Gratwanderung: Die Hochkalter Überschreitung

407

Die Hochkalter Überschreitung ist eine hochalpine Tour, die nicht nur lang, sondern auch technisch schwierig ist. Knapp zwei Kilometer führt der Steig über den Grat zum Gipfel. Mit senkrechten Blicken auf den nördlichsten Gletscher der Alpen.

Gratwanderung: Die Hochkalter Überschreitung © Gipfelfieber.com

Gratwanderung: Die Hochkalter Überschreitung © Gipfelfieber.com

Nachdem wir erst vor wenigen Wochen den Watzmann auf unserer Liste endlich abhaken konnten, folgte nun der nächste auf der Liste, der da schon eine Weile steht: Der Hochkalter. Er gilt mit seiner Höhe mit 2607 Meter als fünfthöchster Berg Deutschlands (wenn man eine Schartenhöhe von 300 m für einen eigenständigen Gipfel voraussetzt). Technisch ist er, das ist gleich zu Beginn erwähnenswert, schwieriger als die Überschreitung des Watzmanns, wobei letztere Tour aber ein paar Stunden länger braucht.

Vom Hintersee zur Blaueishütte

Wir starten am prall gefüllten Parkplatz kurz vorm Hintersee. Es heißt Trainingsanreize zu setzen und wir geben mächtig Gas. Auf breitem und einfachen, aber steilen Fahrweg geht es bis zur Schärtenalm. Von dort wird es kurz flacher, bevor es unter der Materialseilbahn zur Blaueishütte über Stufen die letzten Meter hochgeht. Nach 1:21 Stunden (ich brauche drei Minuten länger, denn ICH HASSE Stufen) vom Parkplatz sind wir an der Hütte. Bitte kein Beispiel dran nehmen. Der uns bekannte Rekord liegt übrigens bei 58 Minuten. Wie das gehen soll, ist mir ein Rätsel…

In der Blaueishütte sollte man auf jeden Fall reserviert haben. Das Gebiet rund um die Hütte ist bei Kletterern sehr beliebt und eben auch Bergsteiger finden mit dem Steinberg, der Schärtenspitze oder eben dem Hochkalter lohnenswerte Ziele. Wir haben Glück und erwischen das Doppelstockbett im Lager. Aufrichten kann ich mich zwar nicht, aber ich soll ja auch schlafen.




Eine hinlänglich bekannte Empfehlung ist der Kuchen in der Blaueishütte. Der ist eine Sensation und die Stücke sind riesig. Der Nachteil: Man muss ihn drinnen an der Ausgabe bestellen. Und dort scheint uns – das sollte auch erwähnt sein – Gastfreundlichkeit zum wiederholten Mal (!) ein Fremdwort zu sein.

Aufbruch zum Hochkalter im Dunkeln

Am nächsten Morgen starten wir kurz vor der Dämmerung zur Hochkalter Überschreitung. Ab Mittag besteht die Möglichkeit von Gewittern und da wollen wir wieder unten sein. Wir folgen dem klar erkennbaren Steig und queren das Blaueiskar bis an den Fuß einer steilen Schuttrinne. Kurz vorher kommen wir an den Resten der ursprünglichen Blaueishütte vorbei. Die fiel im Dezember 1955 einer Lawine zum Opfer, woraufhin die Hütte auf einem neuen Platz wieder errichtet wurde.

Das Schuttkar ist anstrengend. Teilweise geht es zwei Schritt vor und einen zurück. Bald stehen wir am Fuß der ersten Steilstufe. Die Wand ist etwa 30 bis 40 Meter hoch und lässt sich in unschwieriger Plattenkletterei überwinden (wohl Schwierigkeit II). Die Scharte mit dem Namen „Schöner Fleck“ wird ihrem Namen absolut gerecht.

Leichte Kletterei und ein langer Grat

Von nun an geht es in Gehgelände weiter. Ab und an schadet der Einsatz der Hände nicht, brauchen tut man sie nicht. Bald aber schon. An der Schlüsselstelle der Tour. Das ist eine etwa 15 Meter hohe Wand, die bezwungen werden muss. Aber es gibt jederzeit genügend Griffe und Tritte, so dass wir keine Probleme haben (II).

Der Himmel zieht jetzt weiter zu und taucht Berchtesgaden in ein mystisches Lichtspiel. Im Westen droht eine riesige Regenwolke immer näher zu kommen.

Kurz danach sind wir auf dem Grat, der, anderes als am Watzmann, keinerlei Versicherungen aufweist. Der Steig ist nicht schwierig, aber schwindelfrei sollte man sein. Denn links geht es hunderte Meter senkrecht nach unten in Richtung Blaueisgletscher und mir ist fast ein bisschen mulmig.

Der Weg wird immer wieder unterbrochen von kurzen Kraxeleinlagen, die aber auch zu meistern sind. Bald erreichen wir den Kleinkalter und nun ist es auch nicht mehr allzu weit zum Gipfel des Hochkalter. Es heißt noch eine letzte Scharte zu durchklettern und dann sind wir am Gipfel angekommen, mit Blick auf Untersberg, Hohen Göll, Hochkönig, Großvenediger, Großglockner, Loferer und Leoganger Steinberge bis hin zum Kaisergebirge im Westen.

Abstieg ins Ofental

Vom Gipfel geht es in westlicher Richtung abwärts in Richtung Ofentalschneid. Der Steig ist sehr unangenehm, viel Geröll und Schutt und wir treten regelmäßig Steine los. Einen Helm dabei zu haben, schadet hier nicht. Nach etwas weniger als einer Stunde stehen wir in einem riesigen Schuttkar, über welches im Winter die Skitourengeher den Hochkalter besteigen. Hier kann man im Geröll, ständig die Reiteralpe im Blick, recht schnell absteigen.

Irgendwann erreichen wir die Baumgrenze und laben uns an den unzähligen Heidelbeerbüschen am Wegesrand. Nun geht es einfach immer weiter abwärts bis ins Tal, wo noch ein Fußmarsch von etwa 3,5 Kilometern zurück zum Ausgangspunkt auf uns wartet.

Abkühlung im Hintersee

Das Hochkaltermassiv über dem Hintersee © Gipfelfieber.com

Das Hochkaltermassiv über dem Hintersee © Gipfelfieber.com

Als Belohnung geht es in den selbst im Hochsommer eiskalten Hintersee, dessen Farbe und Panorama ihn wohl zum schönsten See Deuschlands machen. Die Abkühlung tut der Muskulatur spürbar gut.

Noch ein paar Panoramas geschossen, die Energiereserven in einem der Restaurants am Ufer des Hintersees wieder aufgefüllt und anschließend ziehen düstere Wolken auf und stürzen die Berchtesgadener Alpen in strömenden Regen.

Die Überschreitung im Video

Fazit

Die Überschreitung des Hochkalters ist eine äußerst anspruchsvolle Tour und technisch auch schwieriger als die Watzmann-Überschreitung. Aber es macht zu jeder Zeit Spaß. Beeindruckend sind die Tiefblicke zum Blaueisgletscher, von dem leider nicht mehr allzu viel übrig ist.


Letzte Änderung: 7. Dezember 2016

13 Antworten zu " Gratwanderung: Die Hochkalter Überschreitung "

  1. Steve sagt:

    Sehr schöne Tour und im Vergleich zum Warzmann auch meist weniger frequentiert.
    Das mit der Gastfreudnlichkeit habe ich jetzt schon des Öfteren gehört, kann es aber selbst nicht bestätigen.

    Meine Bestzeit zur Hütte liegt bei 53 Minuten. Denke mal, dass der ein oder andere lokale Läufer durchaus knapp bzw. unter 40 Minuten läuft.

  2. Rebecca sagt:

    Klasse, die Tour möchte ich auch mal machen! Ist alles markiert, oder? Das Video ist übrigens auch sehr gelungen 🙂

    Liebe Grüße

    Rebecca

    • Andreas sagt:

      Vielen Dank!
      Dann nur zu. Wenn sich der Spätsommer noch von seiner besten Seite zeigt, ist auch dieses Jahr noch genug Zeit.

  3. Niklas sagt:

    Super Tour, nachdem ich vor kurzem auch über den Watzmann bin, würde ich auch noch gerne über seinen „unbekannteren“ Nachbarn.

    In anderen Tourenberichten liest man öfters von Gletscherpassagen. Ist dieser schon soweit zurückgegangen, dass ihr garnichtmehr groß damit in Kontakt gekommen seit?

    • Andreas sagt:

      Servus Niklas,

      wenn du über den Normalweg gehst (wie die Tourenbeschreibung hier), kommst du mit dem Gletscher nicht in Berührung. Du siehst ihn bzw. den kümmerlichen Rest nur. Eine Begeheung des Hochkalters ist aber auch über den Blaueisgletscher möglich. Die Route ist aber anspruchsvoller und jetzt im Spätsommer dürfte vor allem die Überwindung der Randkluft nicht ganz einfach sein. Nach dem Gletscher folgt der Aufstieg dem Ostgrat, wo längere ausgesetzte Klettereien im 2. Schwierigkeitsgrad dabei sind. Die Kletterstrecken dürften länger ausfallen als bei unserer Tour über den Normalweg.
      Viel Spaß auf jeden Fall bei der Tour. Die Bedingungen schauen für die kommenden Tage jedenfalls ganz gut aus.

      • Niklas sagt:

        Danke dir Andreas für die schnelle Antwort.
        Habe das bei genauerer Recherche jetzt auch gesehen und werde wohl erstmal auch den Normalweg gehen.

        Generell großes Lob an euch. Bin über euren Instagramm-Account auf euch aufmerksam geworden und auch die Seite hier finde ich echt gelungen. Hoffe der Tourenreport füllt sich nach und nach und ich kann noch die ein oder andere Anregung mitnehmen! Bin seit ein paar Monaten auch in München und versuche das so weit es geht zu nutzen 😀

        • Andreas sagt:

          Der Touren-Part ist im beständigen Wachstum. Jetzt gibt`s gerade zweiwöchigen Leerlauf, aber kommende Woche geht`s endlich wieder in die Berge.
          Wenn du Lust hast, kannst du uns gerne mal begleiten…;-) Schreib einfach eine Mail (hier über Kontakt) oder bei Facebook!

  4. ja, der hochkalter ist ein wirklich sehr schöner berg!
    ich war vor 2 wochen dieselbe tour – stimmt, es ist ausgesetzt und es gibt keine seile.

    falls es leute gibt hier im portal, die gern und immer wieder in berchtesgaden was gehen, freu ich mich über einen anruf. eine freundin und ich sind oft da unterwegs.

    margit aus obertrum- salzburg

  5. […] Am nächsten Morgen starten wir relativ spät bei Traumwetter in den Tag. Pünktlich als wir losgehen, verschwinden die letzten Wolkenschleier. Unser Ziel – der Große Weitschartenkopf – ist schon gut erkennbar und die ganze Zeit im Blick. Es geht zurück zum Weg und von nun an folgen wir mehr oder weniger den Aufstiegsspuren der Skitourengeher. In langgezogenen Kehren geht es relativ flott, nie so richtig steil, bergan und die Ausblicke werden immer grandioser. Erst schiebt sich im Südosten der Hohe Göll ins Bild, später folgen Watzmanngrat und Hochkaltermassiv. […]

  6. […] bald öffnet sich zu meiner Linken das Ofental und die Gipfel des Kaltermassivs werden vom Morgenlicht angestrahlt. Zu meiner Rechten zeigen sich die „Drei Zinnen“ der Ramsau, […]

  7. […] ein bisschen einsam und verloren steht er da. Umrandet vom mächtigen Hochkalter-Massiv im Nordosten, vom Großen Hundstod im Osten und den Leoganger Steinbergen im Süden wirkt er ein […]

  8. […] auf 2511 Meter Höhe, von wo der Blick über Reiteralpe, Leoganger Steinberge, Hochkranz und Hochkalter bis zum Watzmannmassiv […]

Kommentar verfassen

Mit einem Klick akzeptieren Sie die Nutzung von Cookies. Mehr Informationen

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Schließen