Nichts für schwache Nerven: Von der Pyramidenspitze zum Rosskaiser

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Im Kaisergebirge wartet mit der Pyramidenspitze und der Gratüberschreitung zum Rosskaiser eine spannende und zugleich anspruchsvolle Tour auf den erfahrenen Bergsteiger. Exklusive Tiefblicke garantiert.

Nichts für schwache Nerven: Von der Pyramidenspitze zum Rosskaiser © Gipfelfieber.com

Nichts für schwache Nerven: Von der Pyramidenspitze zum Rosskaiser © Gipfelfieber.com

Eine anspruchsvolle Tour mit alpinem Charakter sollte mal wieder her, die von München auch noch gut erreichbar sein soll. Die Pyramidenspitze im Kaisergebirge schwebt mir seit Ewigkeiten schon vor Augen und irgendwie hat es noch nie sein sollen. Etwa drei Stunden sind für den Aufstieg anvisiert. Fast ein bisschen wenig. Ein Blick auf die Karte und sofort spukt es in meinem Kopf: Wie wäre es denn mit der Gratüberschreitung zum Rosskaiser?  Und siehe da. Es finden sich sogar Berichte im Netz, u.a. der von Hannes von Deichjodler.com (vielen Dank nochmal an der Stelle!).

Von Durchholzen zur Winkelalm

Also geht es am vergangenen Freitag richtig früh los, denn der heißeste Tag des Jahres steht ins Haus. Gebracht hat`s am Ende nichts. Trotz Sonnencreme war (bei mir nur) der Nacken rot (danke, volles Haupthaar). Ein kurzes Frühstück in Oberaudorf im unglaublich freundlich und zuvorkommenden Café direkt gegenüber der Gemeindeverwaltung, schnelles Übersetzen über den Inn nach Durchholzen, wo es am Wanderparkplatz los in Richtung der steilen Wände des Winkelkars geht.

Der zunächst noch asphaltierte Weg hat lang eine sehr angenehme Steigung, die den Puls nur langsam steigen lässt. Ab der Großpointneralm wird es steiler und ab der Winkelalm steilt es nochmal an und unaufhaltsam zieht sich der Steig mehr und mehr an Höhe gewinnend bis in die westlichste Ecke des Winkelkars.

Der Pyramidenspitz Klettersteig

Hier beginnt der Klettersteig auf die Pyramidenspitze. Der ist nicht durchgehend gesichert und Trittsicherheit im ausgesetzten Gelände ist daher nicht verkehrt. Ein Klettersteigset ist für Erfahrene nicht nötig. Ein Helm dagegen ist nicht schlecht, denn im oft losen Gestein löst sich schnell mal etwas, was dann mit Karacho nach unten saust. Die Sonne knallt uns mittlerweile so richtig auf`s Haupt und der Schweiß läuft ohne Ende. Nach ein paar ungesicherten Kletterstellen (I) flacht der Klettersteig etwas ab (wer will, macht einen kurzen Abstecher zur Jovenspitze, 1890 m), bevor er kurz unterhalb des Gipfels noch eine Steilstufe – teilweise über Klammern – überwindet.

Erst ganz knapp vor Erreichen des Gipfels sieht man dessen Kreuz, von dem eine Seite fehlt. Der höchste Punkt des Zahmen Kaisers ist – anders als lange vermutet – damit aber noch nicht erreicht. Trotzdem bietet sich am Gipfel der Pyramidenspitze (2,5 – 3 h) ein grandioser Ausblick in die Nordwände und Kare des Wilden Kaisers, ins Inntal und hinab ins Winkel- und Scheiblingsteinkar.

Übergang zur Vorderen Kesselschneid

Nach einer kurzen Pause geht es weiter. Wir steigen hinab in Richtung der Scharte zwischen Pyramidenspitze und Vorderer Kesselschneid. Rechts zweigt hier der Weg gen Kaisertal mit Hans-Berger- und Anton-Karg-Haus (Hinterbärenbad) ab. Dem folgen wir nicht. Von nun an geht es weglos weiter und in wenigen Minuten unschwierig hinauf auf die Vordere Kesselschneid, den mit 2001 Metern Höhe wirklich höchsten Gipfel des Zahmen Kaisers.

Wegloser und ausgesetzter Grat

Direkt nach dem Gipfel, den nur ein Steinmandl markiert, wird es spannend. Steil geht es über Gras und Fels abwärts; Versicherungen gibt es keine. Mit Händen und Füßen tasten wir uns langsam nach unten, ständig auch das lose Gestein im Auge habend. Anschließend geht es wieder hoch. Und wieder runter. Und wieder hoch. Und wieder runter. Und so weiter. Steigspuren sind keine oder nur minimal erkennbar. Der Weg wird aber durch das Gelände mehr oder weniger vorgegeben und verläuft mal direkt auf dem Grat, mal auf dessen südlicher Seite. Immer wieder müssen wir mit den Händen zupacken. Am Ende einer Rinne klettern wir direkt am Rand des Abgrunds zum Winkelkar. Schwache Nerven sind hier nicht angebracht. Wer nicht schwindelfrei und absolut trittsicher ist, hat hier nichts verloren. Jeder falsche Schritt, jeder falsche Griff hat hier und an vielen Stellen der Gratüberschreitung fatale Folgen. Wem das beim Abklettern ab der Vorderen Kesselschneid schon zu viel ist, der kehrt besser um.




Einsamer Gipfel – Hintere Kesselschneid

Sehr langsam geht es voran, aber bald wird es wieder einfacher und es zweigt der Grat zur Hinteren Kesselschneid (1995 m) ab, deren Gipfel in wenigen Minuten unschwierig erreicht ist. Das Gipfelbuch zeugt davon, dass hier extrem wenig los ist. Mein Eintrag ist erst der zweite im Jahr 2015. Auf dem Weg zurück zum Grat passieren wir ein Schneefeld, unter dem sich bereits ein Hohlraum gebildet hat. Hier läuft das Schmelzwasser wie aus dem Wasserhahn und füllt unsere schon bedrohlich leeren Wasserflaschen wieder auf. Die Sonne ist mittlerweile im Zenit und prallt immer erbarmungsloser auf uns herab.

Kraxelei auf den Rosskaiser

Der Grat wird nun erstmal ein wenig freundlicher, bevor die Schwierigkeiten wieder zunehmen. Es wird enger und immer wieder gibt es Kraxelstellen (bis II). Der Rosskaiser rückt näher, aber wie wir auf ihn drauf kommen sollen, fragen wir uns lang, denn von weitem sieht er extrem steil aus. Aber je näher man kommt, desto überwindbarer scheint das vermeintliche Hindernis. Und das ist es am Ende auch. Erst durchklettern wir steiles Schrofengelände, dann müssen wir nochmal die Hand an den Fels legen und dann ist es auch schon geschafft und der Gipfel vom Rosskaiser (1970 m) ist erreicht.

Abstieg zur Hochalm

Mit Pausen sind wir mittlerweile fast sechs Stunden unterwegs und die Reserven müssen wieder gefüllt werden. Nach einer Pause geht es vom Gipfel in leichter Kletterei bis in die grasige Scharte zwischen Großem und Kleinen Rosskaiser. Wir entschließen uns hier, dem Grat nicht weiter zu folgen und steigen über den Schutt und die steilen Wiesen bis zur Hochalm ab, die allerdings (noch?) nicht bewirtschaftet ist.

Kilometer um Kilometer zum Ausgangspunkt

An der Kleinmoosenalm entscheiden wir uns nicht dem Adlerweg in Richtung Heubergsattel zu folgen, sondern dem Steig zur Gwirchtalm. Noch bevor sich der Steig in den vor der immer noch gleißenden Sonne geschützten Wald verabschiedet, schlängelt sich kurz vor uns eine Schlingnatter durch die Almwiese.

Nur langsam verlieren wir nun an Höhe, passieren die Alm, wo es leider keine Einkehrmöglichkeit gibt und folgen den Schildern in Richtung Walchsee. Es zieht sich und wir fressen nochmal etliche Kilometer, aber bald erreichen wir die ersten Häuser von Durchholzen und nach knapp 9,5 Stunden (inkl. Pausen) sind wir zurück am Startpunkt, wo wir uns kurz in die fürchterlich kalten Fluten des Bergbachs stürzen.

Gute Nacht

Ein alkoholfreies Radler, zwei Semmeln, ein Eis und viele vielen Gummibärchen füllen die nötigsten Reserven langsam wieder auf. Zu Hause dauert es nicht lang und ich falle in einen beinahe komatösen Schlaf…

Fazit

Was für eine geile Tour! Die Kletterei in dem extrem ausgesetzten Gelände macht wahnsinnig Spaß. Die Landschaft ist sowieso grandios und überhaupt war das ein Tag, wo mal wieder alles gepasst hat. Unterschätzen darf man die schwierige Alpintour allerdings nicht. Sie ist sehr lang und für Anfänger und Unerfahrene keineswegs geeignet. Mitte Juli 2015 ist ein Bergsteiger bei der Gratüberschreitung erst tödlich verunglückt.


Letzte Änderung: 6. Dezember 2016

3 Antworten zu " Nichts für schwache Nerven: Von der Pyramidenspitze zum Rosskaiser "

  1. Rebecca sagt:

    Wow, das klingt nach einer wirklich geilen Tour – die werd ich mir merken! Im November letzten Jahres war das Kreuz übrigens noch nicht kaputt: http://rebecca-abenteuerberge.blogspot.de/2014/11/pyramidenspitze-1997m-uber-winkelkar.html

    Liebe Grüße

    Rebecca

  2. […] Nichts für schwache Nerven: Von der Pyramidenspitze zum Rosskaiser […]

  3. […] ins Kaiserbachtal, auf den Wilden Kaiser im Süden, den Zahmen Kaiser mit seinem Gratübergang von Pyramidenspitze bis Rosskaiser im Norden. Auch Reiteralpe, Watzmann, Loferer und Leoganger Steinberge im Osten, Hochgern im Norden […]

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