Grenzerfahrungen an der Östlichen Karwendelspitze

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Die höchste Erhebung der Nördlichen Karwendelkette ist über den normalen Weg recht einfach zu besteigen. Folgt man dem in einigen Karten eingezeichneten Steig auf die Östliche Karwendelspitze wird es nicht nur unangenehm, sondern teilweise richtig gefährlich. 

Rund um das Karwendelhaus: Grenzerfahrungen an der Östlichen Karwendelspitze © Gipfelfieber.com

Rund um das Karwendelhaus: Grenzerfahrungen an der Östlichen Karwendelspitze © Gipfelfieber.com

Zugegeben, die Tourenplanung für unsere zweite Tour im Karwendel nachdem wir am Vortag über den Brendelsteig und die Ödkarspitzen der Birkkarspitze aufs Dach gestiegen sind, war ein bisschen mangelhaft. Grob die Tour rausgesucht und die Beschreibung offline inklusive des Kartenmaterials auf dem iPhone gespeichert. Eigentlich alles wie immer. Soweit, so gut.

Ein Versehen meinerseits (genaue Beschreibung versehentlich gelöscht…) und das blinde Vertrauen auf das Kartenmaterial sorgten dann dafür, dass aus der Tour eine Tortur wurde, bei der am Ende aber alles gut ging.

Start vom Karwendelhaus

Die Östliche Karwendelspitze lässt sich durchaus auch an einem Tag besteigen. Die Aufteilung auf zwei Tage ist ob des langen Anstiegs bis zur Hütte aber sinnvoller. Für eine Übernachtung im Karwendelhaus sollte man vorher reserviert haben. Nach der herbstlichen Schließung der Hütte bleibt immerhin noch der Winterraum, der so auch im goldenen Wanderherbst eine Aufteilung der Tour möglich macht.

Vom Karwendelhaus geht es kurz zurück in Richtung des Hochsattel. Hier halten wir uns links und folgen dem Steig, der sich anschließend in relativ gleichbleibender Höhe durch die Latschenkiefern windet. Wir queren die komplette Südflanke der Östlichen Karwendelspitze bis zum Eingang des Vogelkars.




Der Normalweg

Hier verpassen wir den richtigen “Ausstieg”. Vor den steilen Westabbrüchen der Östlichen Karwendelspitze windet sich der Steig hier unschwierig, teils weglos, aber mit Steinmandln markiert, durch den Südhang “Wank” bis zum weithin sichtbaren Gipfelkreuz, welches dem eigentlichen Gipfel um etwa 100 Meter vorgelagert ist. Vor dem richtigen Gipfel wartet eine kurze Kletterstelle im 1. Schwierigkeitsgrad, die aber problemlos überwunden werden kann.

Über das Vogelkar und den Westgrat

Wir verlassen uns auf das Kartenmaterial und die sporadischen Steinmänner, die uns immer weiter in das Vogelkar hineinführen. Auch das GPS bestätigt, dass wir richtig sind. Wir überraschen eine Gruppe von 80 Gämsen, die tollkühn die steilen Felswände hinauf flüchten. Als ob wir da hinterherkommen…

Am Ende des Kars geht es im Schutt nah an der Wand immer weiter und wir fragen uns mehr und mehr, wo der Steig sein soll. Spätestens hier heißt es umkehren, wer ohne Seil und nicht sicher im Klettern unterwegs ist. Ich vertraue weiter auf die Karte…

Am Ende der sichtbaren Spuren heißt es Hand anlegen. Die Rinne wird am rechten Rand in nicht anspruchsloser Kletterei durchstiegen. Am sinnvollsten ist es, sich schon zu Beginn rechts zu halten. Ein Zurücksteigen ist hier keinesfalls zu empfehlen, da der Wettersteinkalk extrem brüchig ist. Überhaupt macht der die Kletterei erst so schwierig (III. bis IV. Grad). Es heißt ständig zu schauen, ob der vermeintliche Halt auch Halt bietet oder nicht polternd die Rinne nach unten rauscht.

Blick zurück… © Gipfelfieber.com

Blick zurück… © Gipfelfieber.com

Am Ende der Rinne folge ich der leichter ausschauenden Route, die mich in die steile Nordwand der Östlichen Karwendelspitze bringt. Nicht senkrecht, aber extrem steil fällt die Wand hier ab und an einer Platte, die kaum Griffe, geschweige denn Tritte bietet, endet mein Ausflug fast. Es dauert ein paar Minuten bis ich mich überwinden kann, diese zu übersteigen. Zurück geht es hier auch nicht mehr. Das Herz schlägt mir bis zum Hals, aber ich verschwende keine Gedanken an einen vermeintlichen Fehltritt. Alles eine Frage der Psyche. Und es geht gut.

Ich finde wieder auf die Westseite zurück, die nun stetig breiter wird. Angenehmer nur wenig. Immer noch recht steil geht es im losen Schutt weiter aufwärts. Das Ende ist in Sicht, der Puls beruhigt sich langsam wieder und bald ist es geschafft und ich komme ziemlich genau zwischen vorgelagertem Gipfelkreuz und eigentlichem Gipfel oben an. Puh…

Das falsche Kartenmaterial

Laut GPS war ich im Übrigen die komplette Zeit über auf dem in der Karte eingezeichneten Steig. In der Karte von Kompass und auch im Kartenmaterial vom DAV ist der vermeintliche Steig eingezeichnet. Im Kartenmaterial von Bergfex ist dagegen der korrekte Weg eingezeichnet. Im Folgenden die Kompass-Karte mit dem Steig, dem man nicht folgen sollte (rot) und der Bergfex-Karte mit dem richtigen Steig (grün).

Nachdem ich Kompass auf die falsche Kennzeichnung hingewiesen habe, ist der Fehler im Online-Kartenmaterial von Kompass mittlerweile ausgebessert. In ape@map ist allerdings noch keine Aktualisierung erfolgt.

Das kann man alles aber gut umgehen, indem man schon vor den Felswänden des Vogelkars auf den breiten Gipfelhang der Östlichen Karwendelspitze einschwenkt und das Vogelkar gar nicht erst betritt. Hält man sich daran kommt man relativ einfach und ohne tiefe Abgründe vor Augen auf den Gipfel.

Am Gipfel

Der Ausblick hier oben auf 2536 Meter Höhe ist sensationell. Das komplette Voralpenland liegt im Norden zu Füßen. Im Westen die Westliche Karwendelspitze, die Zugspitze, der Hauptkamm mit den großen 3000ern im Süden, die östlichen Karwendelerhebungen mit dem Gamsjoch, Wilder Kaiser und Loferer Steinberge im Osten.

Der Abstieg

Runter geht es über das Grabenkar. Oben folgt man zunächst in östlicher Richtung den Steinmandln. Kurz bevor das Kar erreicht wird, wartet nochmal eine schwierige Stelle, wo man absolut trittsicher und schwindelfrei sein muss. Ist die einmal überwunden, geht es im lockeren Schutt ratzfatz abwärts. Nur etwa 40 Minuten brauche ich bis zum Ende des Grabenkars. Durch die Latschen geht es nun zurück zum Hochsattel und von dort in etwa zwei Stunden über den kleinen Ahornboden mit überwältigenden Ausblicken auf die steilen Nordwände der Hauptkarwendelkette zurück zum Parkplatz im Engtal.

Fazit

Zum ersten Mal eine Tour, deren Nachahmung ich nicht empfehlen kann. Landschaftlich ist sie reizvoll, aber ohne zusätzliche Sicherung ist sie einfach viel zu riskant. Empfehlenswert ist aber der Steig durch die Südseite der Östlichen Karwendelspitze, der zwar wenig markiert, dafür aber weitaus einfacher ist.


Letzte Änderung: 6. Dezember 2016

4 Antworten zu " Grenzerfahrungen an der Östlichen Karwendelspitze "

  1. […] Im Grunde sogar erst eine nachdem ich zur einer Snowboardtour ohne Schneeschuhe aufgebrochen bin. Die Östliche Karwendelspitze war heftig und hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, hätte ich das bereits bei der Planung […]

  2. Sina Böttger sagt:

    Hallo, hast du eine gute Karte vom Auf und Abstieg zur östlichen Karwendelspitze? Ich führe nächstes Wochenende eine Gruppe hoch und möchte nicht den falschen Weg einschlagen. Kannst du mir auch den falschen Weg auf der Karte zusenden? So dass ich diesen auf jeden Fall vermeiden kann.

  3. Andreas sagt:

    Hi Sina, ich habe die Bilder mit dem richtigen und falschen Kartenmaterial nochmal fix überarbeitet und auch ein paar Infos aktualisiert, wo du aktuelles und richtiges Kartenmaterial findest. Wenn du noch was brauchst, lass es mich wissen.

  4. […] » Beginnen möchte ich mit einem Archivbeitrag von Gipfelfieber über das Karawendelgebirge. […]

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