Eine Reise wie zum Mond – Zur Laliderer Spitze im stillsten Winkel des Karwendels

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Es gibt sie noch: Die ganz einsamen und stillen Ecken. Die Tour auf die Laliderer Spitze im hintersten Winkel des Karwendels entführt in eine karge Mondlandschaft. Mit Übernachtung in einer Mondlandefähre inklusive. 

Eine Reise wie zum Mond - Zur Laliderer Spitze im stillsten Winkel des Karwendels © Gipfelfieber
Eine Reise wie zum Mond -- Zur Laliderer Spitze im stillsten Winkel des Karwendels © Gipfelfieber

„Houston, Tranquility Base here. The Eagle has landed.“ Neil Armstrongs erste Worte als er am 20. Juli 1968 mit der Mondlandefähre Apollo 11 sicher auf dem Mond landete, schießen mir in den Sinn als wir endlich am Laliderer Biwak (auch Karl-Schuster-Biwak) ankommen und auf der Holzplattform Platz nehmen, die Aussicht und Stille genießend.

Die Tour auf die Laliderer Spitze ist auch im Wanderführer “Vergessene Steige -- Bayerische Alpen” enthalten. Das Buch ist bei Amazon erhältlich.

Der Film zur Tour auf die Laliderer Spitze

Karwendel - Laliderer Spitze - In der Stille liegt das Glück - DJI MAVIC PRO

Wahrlich wie auf dem Mond schaut es hier oben in der Scharte zwischen Laliderer Spitze und Dreizinkenspitze aus. Die Landschaft ist karg. Kaum etwas gedeiht auf knapp 2.500 Meter Höhe. Schroffe Felstürme, abweisende Gipfel und schwindelerregende Abgründe prägen das Bild. Und mittendrin die im Sonnenlicht grell leuchtende Biwakschachtel. Lange habe ich mir vorgenommen, hier zu sein. Endlich ist es geschafft und jede Mühe war es wert.

Von Scharnitz ins Hinterautal

Erbarmungslos drückt die Sonne während ich in Scharnitz das Mountainbike aus dem Smart operiere, zusammenbaue und wir anschließend tief hinein ins Karwendel starten. An der rauschenden Isar entlang geht es nur gemächlich bergan und mit jedem Tritt in die Pedale stoßen wir tiefer ins Hinterautal vor, genießen die Ausblicke hinab zur jungen und immer jünger werdenden Lebensader Münchens.

In einem unwirklichen Türkisgrün schießt die Isar gen Talausgang. Kilometer um Kilometer spulen wir ab, passieren hunderte Steinmandl, die wie ein Kunstwerk von Christo wirken. Den Isarursprung nach 13 Kilometern lassen wir links liegen und folgen der gut fahrbaren und noch wenig ansteigenden Forststraße bis zur Kastenalm.

Tief hinein ins Roßloch

Während Bergsteiger zur Birkkarspitze schon längst abgebogen sind, halten wir uns links durch eine Schranke weiter gen Talschluss. Der Weg wird langsam ungemütlicher, steiler und steiniger. Die vielen Kilometer in den Beinen lassen sich kaum mehr verleugnen. Vorbei an ausgetrockneten Bachbetten und steilen Felswänden öffnet sich das Roßloch für uns und am Ende einer großen Wiese deponieren wir nach etwa 20 Kilometern die Mountainbikes.

Bunte Bergwelten statt Mondlandschaft

Bevor wir zu Fuß weitergehen, müssen wir noch die Wasserreserven auffüllen. Denn wie auf dem Mond auch gibt es nach dem Roßloch keine Wasserstellen mehr. Unweit des Fahrraddepots fließt es allerdings noch. Auch weiter oben sind stürzende Wasser zu hören, die im Spätsommer aber gern schon versickert sein können.

Gut sichtbar folgen wir dem schmalen Steig durch die Latschengassen. Nach etwa zweihundert Höhenmetern markiert ein prägnanter Felswürfel die Stelle, an der wir den Bergpfad nach Norden verlassen, den Ende Juni noch munter sprudelnden Bach queren, um gen Bockkar aufzusteigen. Bei genauem Hinsehen ist der schmale Weg durch die Latschen schon vorher auszumachen. Ein Stück talauswärts und steil ansteigend windet er sich empor. Mit ihm die Gewitterwolken, die uns schließlich einholen, einen kurzen Schauer niederlassen, bedrohlich grummeln und doch bald wieder verschwinden.

Schließlich ändert sich langsam die Vegetation. Die Latschen verschwinden zunehmend, grün und bunt strahlen die Wiesen mit ihren unzähligen Blumen. Von einer Atmosphäre wie auf dem Mond keine Spur.

Zur Mondlandefähre der Laliderer Spitze

Herden von Gemsen beobachten argwöhnisch die beiden Eindringlinge, die die Stille durchbrechen und lassen sich doch nicht beirren. “Wir kommen in Frieden”, möchten wir ihnen zurufen. Es zieht sich und zieht sich. Hinter jeder Kuppe vermuten wir eine baldige Sicht zum Tagesziel. Und doch dauert es. Die Gräser werden einsamer. Fels, Geröll und nackter Stein übernehmen die Vorherrschaft bis nichts mehr zu wachsen scheint.

Nur steile Berge erwachsen vor unseren Augen. Dort oben, endlich zeigt sich die Biwakschachtel am Fuß der Laliderer Spitze. Die stets im Blick überwinden wir über rutschigen Schotter und dahinschmelzende Überbleibsel des Winters die letzten Höhenmeter, legen die schweren Rucksäcke ab und bestaunen für Minuten das Karwendel und seine karge Mondlandschaft.

Gipfelsturm zur Laliderer Spitze

Vom Karl-Schuster-Biwak zum Gipfel der Laliderer Spitze sind es weitere 20 Minuten, ohne dass sich Wegbeschaffenheit und Schwierigkeit noch großartig ändern. Auf der Laliderer Spitze auf  2.588 Meter angekommen, gibt es kein Gipfelkreuz und doch ein grandioses Panorama. Die Spitzen, die sich rund um das Roßloch bedrohlich aufschwingen. Im Norden stürzen die bei Kletterern beliebten Felswände tausend Meter und mehr senkrecht hinab. Die Eng, Mondscheinspitze, Sonnjoch, Gamsjoch, Östliche Karwendelspitze. Alle sind sie da, wirken doch Lichtjahre entfernt und so weit weg. Lediglich ein paar Kuhglocken tönen von der Falkenhütte herauf.

Das Karl-Schuster-Biwak

Zurück im Laliderer Biwak reisen wir kurz durch die Zeit. Ein Blick ins Hüttenbuch verrät das ursprüngliche Antlitz der 1971 eingeweihten Notunterkunft und erzählt von alten Kletterlegenden.

Bis zu zwölf Bergsteiger finden im Karl-Schuster-Biwak Platz. Zu zweit ist es doch deutlich komfortabler, vor allem, wenn man des nachts durch das Plexiglasdach den Sternenhimmel beobachten möchte.

Töpfe und Geschirr finden sich ausreichend. Mein alter Gaskocher komplettiert nun die Küchenausstattung, solche Steckkartuschen sollten aber mitgebracht werden. Gleiches gilt für die Verpflegung. Alle im Biwak deponierten Lebensmittel sind für Notfälle gedacht.

Abstieg und Abfahrt nach Scharnitz

Während sich die Mondfahrer um Armstrong, Aldrin und Collins mit Instantkaffee zufrieden geben mussten, starten wir nach einer Nacht mit nicht endendem Wetterleuchten mit einer Tasse türkischem Kaffee und dem langen Abstieg zurück ins Roßloch.

Alternativ kann man auch den Spuren östlich des Laliderer Biwaks hinauf zur Dreizinkenspitze folgen (leichte Kletterei!), um anschließend über das Roßkar abzusteigen. Nach knapp 940 Höhenmetern ist das Mountainbikedepot wieder erreicht. Laliderer Spitze und seine Mondlandefähre sind da schon lange wieder aus dem Blickfeld verschwunden.

Die Belohnung für die anstrengende Auffahrt folgt auf den Fuß. Bis auf einen kurzen Gegenanstieg geht es auf dem Mountainbike genüsslich über viele Kilometer zurück nach Scharnitz und wieder raus aus dem stillsten Winkel des Karwendels.

Fazit

Eine grandiose Bergtour führt tief hinein in den einsamsten und stillsten Winkel des kargen Karwendels. Die Fahrt und der Anstieg zum Karl-Schuster-Biwak und zur Laliderer Spitze sind lang und konditionell sehr fordernd. Die Besteigung technisch aber nicht weiter schwierig. Mit der Übernachtung unter der Plexiglaskuppel vor oder nach der Gipfelbesteigung der Laliderer Spitze lässt sich die Bike- und Hike-Tour perfekt abrunden.

7 KOMMENTARE

  1. Sehr schöner Tourenbericht macht lust aufs Karwendelgebirge war bisher noch nicht oft dort unterwegs. Nur einmal überquert auf der München Venedig tour. Aber komm bestimmt bald wieder. :)

  2. Der Alpenverein bittet darum, dass der Karl-Schuster-Biwak nicht explizit als Übernachtungsmöglichkeit beworben wird. (Wobei ich die Bezeichnung “Partys” etwas seltsam finde. ;-)

    https://tirol.orf.at/stories/3062339/

    Biwaks werden für Partys missbraucht
    Der Alpenverein kritisiert einen zunehmenden Missbrauch von Biwak-Schachteln im Gebirge als Gratisunterkunft oder als Ort für Partys. Ein Biwak sei eine Notunterkunft auf dem Berg oder allenfalls ein notwendiger Stützpunkt für eine lange Tour.

    Am Beispiel des Konrad-Schuster-Biwaks im Karwendel oberhalb der Laliderer-Wand prangerte der Alpenverein zuletzt öffentlich die Zweckentfremdung und ihre negativen Begleiterscheinungen an. Es sei kein neues Phänomen, dass Biwak-Schachteln und andere Notunterkünfte als kostenlose Übernachtungsmöglichkeit auf dem Berg genutzt werden, auch ganz ohne alpinistische Notwendigkeit. Der Trend habe sich in den letzten Jahren aber verstärkt, sagt Michael Larcher vom Alpenverein.

    Soziale Netzwerke fördern Missbrauch
    Inzwischen bleibe es oft nicht bei einer Gratisübernachtung. Zusammenkünfte für Feiern aller Art seien inzwischen keine Seltenheit mehr, kritisiert Larcher. Der Missbrauch habe zugenommen, weil die Bewerbung durch Soziale Netzwerke eine größere Breite erreiche. „Es spricht sich herum, dass es cool ist, auf so einem Biwak ein Fest abzufeiern“, so Larcher. Der Alpenverein versuche gegenzusteuern und bittet, Feste im Tal oder auf einer geöffneten Alpenvereinshütte zu feiern.

    Die Zweckentfremdung bringt eine Reihe weiterer Probleme mit sich
    Am Beispiel des Konrad-Schuster-Biwaks an der Laliderer Spitze zeigt sich, dass mit der Zweckentfremdung weitere Probleme verbunden sind: Abfälle und Fäkalien rund um das Biwak, dazu die Störung der Tier- und Pflanzenwelt durch die exzessive Nutzung. Man könne nur an die Vernunft und Solidarität appellieren. Oft seien es nicht die Bergsteigerinnen und Bergsteiger, sondern eher Partytiger, die diese Orte aufsuchen. „Uns bleibt als Alpenverein nichts anderes übrig, als zu appellieren“, betont Larcher.

    Der begrenzte Platz ist für Alpinisten und nicht für Partys gedacht
    Dass selbst dezidierte Bergsteigerseiten im Internet Biwak-Schachteln als Unterkünfte bewerben, macht die Bemühungen nicht leichter. Für den Alpenverein gibt es dagegen praktisch keine rechtliche Handhabe.

    • Servus Jens, vielen Dank für den Hinweis. Ich sehe das nicht anders und das Biwak soll auch gar nicht als Übernachtungsmöglichkeit beworben werden. Daher habe ich auch den Text etwas angepasst und explizit darauf hingewiesen, dass es vor allem für Notfälle gedacht ist.

      Wer dort übrigens sein Bier hochschleppt, hat es sich auch redlich verdient, das zu trinken. Dass aus dem doch äußerst abgeschiedenen Biwak eine Partylocation wird, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Dazu ist der Aufstieg einfach zu lang und zu beschwerlich.

      Allerdings sehe ich nicht, warum das Biwak nicht als Station für Touren genutzt werden sollte, denn Tagestouren in diesen Teil des Karwendels sind vor allem eins: Extrem lang. Und vor allem, wenn man mehrere Gipfelziele hat, sind die ohne eine Übernachtung im Biwak kaum zu realisieren.

      Dass man ein Biwak nicht für Partys nutzt, sollte sich von selbst verstehen. Darüber hinaus muss jeder Müll wieder mit zurück ins Tal. Das gilt aber nicht allein für Biwaks, sondern für Hütten und Almen jeder Art.

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