Wandern in der Eng: Wenn der Winter den Herbst küsst

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Die Eng ist das Herz des Karwendels und gerade im Herbst, wenn sich die Ahornblätter golden färben, ist die Szenerei einmalig, ja fast unwirklich. Erst recht, wenn der Winter schon die ersten Vorboten schickt. Eine Liebeserklärung. 

Wandern in der Eng: Wenn der Winter den Herbst küsst © Gipfelfieber

Wandern in der Eng: Wenn der Winter den Herbst küsst © Gipfelfieber

Dicke Nebelschwaden hängen in den Tälern während wir den Sylvensteinstausee passieren und fast befürchte ich, dass der prognostizierte Sonnentag par excellence ausbleiben möchte. Aber die Sonne ist ja auch noch gar nicht aufgegangen. Hinter Vorderriß reißt mich dann ein famoser Anblick aus den Gedanken, die beinahe so trüb werden wie die Wolkensuppe, in der wir uns befinden.

Ein riesiger Hirsch mit einem noch riesigeren Geweih direkt neben der Straße schaut uns wohl genauso entsetzt an wie wir ihn. Halb benommen von dem Anblick kommt mir erst hunderte Meter weiter der Gedanke, doch kurz ranzufahren. Das kapitale Tier dürfte mittlerweile längst über die Berge sein. Eine Jagd mit Kamera und Teleobjektiv würde keinen Sinn machen. Im Wildgatter, welches wir kurz darauf passieren, überwintern von Weihnachten bis Mai im Übrigen bis zu 100 Wildtiere. Ob der Hirsch sich schonmal einen schönen Platz sichern wollte?




Hoffnungsschimmer im Rißtal

Vorbei an den Startpunkten zum Schafreuter, zum Vorderskopf oder zum Schönalmjoch durchqueren wir Hinterriß, von wo es zur Fleischbank geht, und in den Wolken tut sich eine kurze Lücke auf. Brav entrichten wir die Mautgebühr. Hoffnung keimt auf. Je tiefer wir ins Rißtal hinein fahren, umso mehr weicht die Hoffnung der Freude. Von Wolken und Nebel ist bald keine Spur mehr. Die aufgehende Sonne taucht die schroffen Bergspitzen vom Karwendel in ein sanftes Morgenlicht.

Und dann biegen wir in das letzte Stück ein. Hinein in die Enge. Dorthin, wo das Tal einfach aufhört. Von Felswänden und Nordwänden wie der Laliderer Spitze umschlossen. Nichts und niemand kommt da raus, möchte man meinen. Woher die Eng ihren Namen hat, bedarf keiner Erklärung.

Am Großen Ahornboden

Aber wir sind zu spät… Die Ahornbäume am Großen Ahornboden haben ihre Blätter schon abgeworfen. Kahl stehen sie da. Kreise voll abgefallener Blätter haben sich zu ihren Füßen gebildet. Doch bevor sich Enttäuschung breit macht, entdecken wir einen goldgelben Schimmer. Mittendrin trotzen wenige Bäume noch dem kommenden Winter und tragen voller Stolz ihr goldenes Gewand. Während am Boden die ersten Zentimeter Schnee vom nahen Winter künden, stehen sie da als hätten sie nur auf uns gewartet. Ein Anblick, von dem man kaum genug bekommen kann. Ein Morgen wie aus der Feder von Bob Ross.

Der Panormaweg rund um die Eng

Tausend Motive finden sich, die Kamera und ihre Speicherkarte glühen, auch während wir nun weiter eine kurze Runde drehen. Die Hütten der Engalm scheinen schon dem Winter entgegen zu schlummern. Auch Restaurant und Schaukäserei machen sich für das Saisonende bereit. Der Panoramaweg zur Binsalm beschert uns weitere fantastische Ausblicke auf die Ausläufer von Gumpenspitze und Gamsjoch, die unten in ihren prächtigsten Herbstfarben leuchten und weiter oben bereits komplett eingeschneit sind. Kurz vor der Binsalm treten wir dann schon wieder den Abstieg in die Eng an.

Unten angekommen, bricht der Sturm über das Herz des Karwendels hinein. Aber kein Unwetter zieht auf. Auto um Auto stürmt das Talende. Etliche Busse laden ihre menschliche Fracht ab und mit der morgendlichen Stille ist es bald vorbei.


Und doch verteilen sich die Scharen schnell. Etliche Ziele locken schließlich in der nahen Umgebung: Falkenhütte, Gramai-Hochleger samt Sonnjoch und mehr Gipfel als man aufzählen kann, ziehen die Wanderer und Bergsteiger magisch an. Bei der Schönheit, die dieser Tag so früh schon entfaltet, ist das wenig verwunderlich.

Rißbach & Sylvensteinstausee im bunten Gewand

Nachdem die Sonne die Eng nun auch in ein strahlendes Licht getaucht hat und wir uns immer noch kaum satt sehen können, geht es trotzdem langsam zurück. Nicht ohne im Rißtal noch den ein oder anderen Stop einzulegen. Vielleicht sogar in der Hoffnung, noch einmal den oder zumindest einen Hirsch vor die Linse zu bekommen? Das klappt am Ende leider nicht, aber in den Schluchten zwischen Hinter- und Vorderriß finden sich eingebettet um den Rißbach weitere Motive, die das Herz höher schlagen lassen. Nicht zuletzt am Sylvensteinstausee, der gelassen ob der vielen Fotografen in sich selbst zu ruhen scheint.

Fazit

Die Eng und der Große Ahornboden sind im Spätherbst wahrlich kein Geheimtipp mehr und an Sonnentagen auch überlaufen. Wer früh genug da ist, hat den Zauber aber zumindest für eine kurze Zeit fast für sich allein. Aber schnell sein heißt es, denn Ende Oktober schließt die Mautstraße in die Eng. Anschließend ist sie nur für die reserviert, die die knapp 15 Kilometer mit dem Fahrrad zurücklegen wollen.


Letzte Änderung: 12. August 2017

15 Antworten zu " Wandern in der Eng: Wenn der Winter den Herbst küsst "

  1. Nadine sagt:

    War das eigentlich sorgfältigste Planung oder größter Zufall, dass du’s wieder mal so perfekt erwischt hast? 😉 – Ja, sicher längst kein Geheimtipp mehr. Aber immer aufs Neue faszinierend.

  2. Robert sagt:

    Ehrlich? Habe den Text nicht gelesen.
    Bin bei den traumhaften Fotos hängen geblieben. Die Kombi aus Schnee und farbig. #love

  3. wohlgeraten sagt:

    Schöne Bilder aus der Eng. So kenne ich sie gar nicht. Ich war immer nur im Sommer da, fand es aber immer wieder herrlich. Und so voll, wie vielfach beschrieben, habe ich es auch nie erlebt, weil wir immer zum Saisonstart da waren und dann ging es. Danke für den schönen Bericht!

  4. Sven sagt:

    Oh wie schön es dort ist! Wir waren nur mal kurz im Sommer dort, bei nicht allzu gutem Wetter, daher war auch nicht viel los. Den Herbst haben wir dann leider verpasst, aber ich hoffe, wir schaffen es noch jetzt im Dezember. Ist bestimmt auch traumhaft, wenn alles dick eingeschneit ist!

    Denkst Du, der beschriebene Panorama-Weg ist auch gut im Winter machbar?

  5. Hi Andreas
    Der Herbst hat so seinen Zauber. Auch wir streifen gerade immer wieder gerne die mit Eiskristallen verzierten Waldwege entlang. Soweit, bis uns der Frost auch in die Muskeln zieht. Nachvollziehbar deine Schilderungen, aber natürlich etwas sehr besonderes mit der tollen Gegend des Rißtals. Wunderbar.
    Grüsse aus Bern,
    Daniel

  6. Bianca Gade sagt:

    Hallo Andreas,
    ich liebe ja diese Übergangszeit. Dann, wenn es noch bunt ist aber hier und da vom leichten Schnee oder zarten Frost ein verzauberter Glanz auf der Landschaft liegt. Deine Bilder sind einfach großartig und machen Lust, die Eng zu besuchen. Ob man dort auch Gleitschirm fliegen kann? Muss ich mal googeln 🙂
    Viele Grüße,
    Bianca von lebedraussen

  7. Mario sagt:

    Hallo Andreas,

    ja die Eng und den großen Ahornboden kenne ich von früher gut.

    Einige Jahre ist es her das ich zu Pfingsten für eine Karwendeldurchquerung unterwegs war. Am ersten Tag in kurzen Hosen und dann kam am übernächsten Tag fast ein Meter Schnee.

    Einige Monate später bin ich am ersten Septemberwochenende zur einer Alpenüberquerung in Mittenwald gestartet und war dann mehrere Tage beim Peter auf der Falkenhütte eingeschneit…

    Gruß Mario

  8. Hagen sagt:

    Hallo Andreas,
    das ist ein bisschen wie ein Gedicht, nur aus Bildern und Worten. Schön, dass du so nen guten Moment dort abgepasst hast und mit uns teilst.

    Viele Grüße,
    Hagen

  9. Dennis sagt:

    Wow! Atemberaubende Bilder, die du da geschossen hast. Fehlt nur wirklich nur noch ein Bild von dem Hirsch. Aber irgendeine Erinnerung braucht man ja auch noch ganz für sich alleine.

    Bei solchen Aussichten ist es dann auch wirklich nicht verwunderlich, wenn die Region so viele Besucher hat. Vielen Dank für diese tolle Inspiration!

  10. Tom sagt:

    2015 bin ich den Karwendelmarsch gelaufen, da kam ich mal den Ahornboden durch. Allerdings viel zu schnell zum schauen. Auffällig waren die Bäume schon, die Fotos im “Vorbeiflug” aber viel zu mies.

    Dann gab es mal noch eine Eintages-MTB-Skitour von Scharnitz auf die Birkkarspitze, die mich recht geschlaucht hat.

    Das Ziel wäre lohnend, wenn nur dieser ewige Schotter nicht wäre … Also doch lieber Skitour mit Winterraum?

  11. […] Im Norden stürzen die bei Kletterern beliebten Felswände tausend Meter und mehr senkrecht hinab. Die Eng, Mondscheinspitze, Sonnjoch, Gamsjoch, Östliche Karwendelspitze. Alle sind sie da, wirken doch […]

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