Bergführer im Interview: Lukas Kühlechner über Corona, Bergboom & Lawinen

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Kurz vor dem Start der Skisaison haben wir mit dem Bergführer Lukas Kühlechner über die Sorgen vor einem Corona-Ansturm auf Skitouren und Lawinenkunde gesprochen. 

Bergführer im Interview: Lukas Kühlechner über Corona, Bergboom & Lawinen © Lukas Kühlechner
Bergführer im Interview: Lukas Kühlechner über Corona, Bergboom & Lawinen © Lukas Kühlechner

Zum Start einer Serie über Lawinenkunde mit Lukas Kühlechner haben wir mit dem Montafoner Bergführer über den kommenden Winter, die Herausforderungen der Corona-Zeit für die Berge und die richtige Vorbereitung auf eine Skitour gesprochen. 

Lukas ist Obmann der Bergführer Montafon und im ganzen Jahr in den Bergen unterwegs und wird in den kommenden Wochen versuchen, möglichst viel Lawinenwissen zu vermitteln.

Gipfelfieber: Servus Lukas, du bist Bergführer aus dem Montafon und wir waren zusammen auf dem Piz Buin und der Zimba, zwei der absoluten Klassiker im Montafon. Du führst aber nicht nur im Sommer, sondern bist auch leidenschaftlicher Skibergsteiger und begleitest Bergsteiger und Skitourengeher auch im Winter. Wie hoch ist deine Vorfreude auf die ersten Spuren im Schnee? 

Lukas: Meine Vorfreude ist seit ich ein Kind bin immer riesig, ich kann es bereits im Oktober kaum erwarten endlich wieder Ski zu Fahren. Dieses Jahr scheint die Vorfreude bei allen deutlich größer als in den vergangenen Jahren. Das kommt wohl nicht nur von der verkürzten Wintersaison im Frühjahr 2020, sondern bestimmt auch vom allgemein gesteigerten Verlangen auf Bewegung und Abenteuer in der Natur. 

“Sorgen bereitet mir die Selbstverständlichkeit mit der viele in die Berge gehen”

Gipfelfieber: 2020 ist vor allem durch das Corona-Virus geprägt. Kontaktverbote, Mund-Nase-Schutz und Ausgangssperren werden in keinem Jahresrückblick unerwähnt bleiben. Das hat auch Folgen für die Berge. Fernreisen sind vorerst quasi gar kein Thema mehr. Viele entdecken die Berge wieder und so gibt es vielerorts regelrechte Hotspots. Bereitet dir der zunehmende Run auf die Berge Sorgen? 

Lukas: Die stark steigende Zahl der „neuen“ Bergbegeisterten an sich macht mir keine Sorgen. Mich freut es, dass das in die Berge Gehen so beliebt ist. Immerhin ist dies die Grundlage meiner Arbeit. Was mir etwas Sorgen bereitet ist die Art und auch die Selbstverständlichkeit mit der viele in die Berge gehen und den Berg als Fitnessgerät sehen. Jedoch sollten wir „Erfahrenen“ nicht nur mit dem Finger auf die Einsteiger zeigen, sondern mit Respekt und Verständnis miteinander unterwegs sein. So können wir alle voneinander lernen, wie wir in Zukunft gemeinsam in die Berge gehen können.




Gipfelfieber: Mit dem vor der Tür stehenden Winter rückt noch etwas ganz anderes in den Blickpunkt: österreichische Skigebiete öffnen erst zu Weihnachten, deutsche Touristen dürfen sogar erst ab dem 10.01.2021 über die Grenzen kommen, wenn überhaupt. Wie sehr leidet eine Region unter den fehlenden Gästen, gerade in einer der wichtigsten Ferienzeiten des Jahres? 

Lukas: Der etwas verspätete Saisonstart der Skigebiete ist aus meiner Sicht kein allzu großes Problem. Viel schwieriger sind die Reisewarnungen, die es ausländischen Gästen beinahe unmöglich machen in die Berge zu fahren. Vor allem für Hoteliers, Arbeitnehmer im Tourismus, Zulieferer und Dienstleister, die von der Tourismuswirtschaft leben, wird es langsam echt mühsam. Hier fehlt der gesamten Region ein bedeutendes Einkommen rund um die Hauptsaison Weihnachten und Neujahr.

“Es geht auch um aktive Besucherlenkung im freien Gelände”

Bergführer Lukas Kühlechner © Lukas Kühlechner
Bergführer Lukas Kühlechner © Lukas Kühlechner

Gipfelfieber: Dazu steht zu befürchten, dass der Druck auf die freie Natur noch größer wird. Skitouren boomen in den letzten Jahren sowieso. Aus Angst vor einem zweiten Ischgl befürchten Alpenvereine, aber auch Bergwachten, dass nun noch mehr Menschen das Tourengehen für sich entdecken, um dem Liftzirkus entgehen zu können. Teilst du diese Ansicht? Welche Gefahren lauern hier im Speziellen?

Lukas: Zuerst möchte ich festhalten, dass das Skifahren an sich, kaum Ansteckungsgefahr birgt. Es ist mehr das Verhalten in Hütten und Bars, die zum bekannten Problem geführt haben. Dass das Tourengehen immer beliebter wird, konnten wir schon in den letzten Jahren gut beobachten. Im Montafon haben wir deshalb das Projekt „Naturverträglicher Wintersport“ gestartet. Dabei geht es um die aktive Besucherlenkung auch im freien Gelände. Hier müssen wir bestimmt auch auf die aktuelle Situation reagieren und uns angepasste und neue Lenkungskonzepte überlegen.

Gipfelfieber: Wann sollte sich jemand, der noch nie auf Tourenski unterwegs war, ins freie Gelände wagen? Wie lernt man das Skitourengehen überhaupt? Beim Sporthändler des Vertrauens mit Tourenski, Schuhen, Lawinenausrüstung eindecken und es kann losgehen, oder?

Lukas: Jedem Einsteiger empfehle ich bevor er die ersten Schritte im Gelände macht, sich bei solch einem Kurs anzumelden, bei dem die Grundlagen von der richtigen Gehtechnik bis zu den alpinen Gefahren und dem richtigen Verhalten vermittelt werden. Wenn jemand dennoch ohne Kurs selbst losziehen möchte, sollte dies auf gekennzeichneten und gesicherten Skitourenrouten passieren, oder unter Anleitung eines staatlich geprüften Berg- und Skiführers.

Gipfelfieber: Du hältst regelmäßig Vorträge und Kurse über Lawinen, zeigst, welche Gefahren im Gelände lauern und wie man lernt, diese einschätzen zu können. Wie gut siehst du die Skitourengeher darauf vorbereitet? 

Lukas: Aus den Unfallzahlen der letzten Jahre, kann man deutlich erkennen, dass bei steigender Zahl an Tourengehern, die Zahlen der tödlichen Lawinenopfer zurückgeht. Dies ist sehr erfreulich und zeigt, dass die Vorträge und Kurse bei den Menschen ankommen. Da diesen Winter sicher noch viel mehr unerfahrene Menschen auf Tourenski umsteigen, befürchte ich, könnten die Unfallzahlen im Allgemeinen sowie die Lawinenunfallzahlen ansteigen.

“Wichtig ist das Wissen darüber, wie ich den Abgang einer Lawine vermeide.”

Gelände verstehen © Lukas Kühlechner
Gelände verstehen © Lukas Kühlechner

Gipfelfieber: Sollte man einen Kurs in einer Bergschule machen, um dem Thema Lawine näher zu kommen und es zu verstehen? Reicht es nicht auch einfach aus, einen Lawinenairbag zu haben? Schließlich kann mit dem ja quasi nichts passieren: Einmal ausgelöst, treibt man oben auf der Lawine mit und wird nicht verschüttet. 

Lukas: Die gesamte Ausrüstung kostet viel Geld. Zur Notfallausrüstung, die jeder haben sollte, zählen ein Lawinenverschütteten Suchgerät (LVS), eine Schaufel und eine Sonde. Zusätzlich sollte jeder ein 1. Hilfe Paket, einen Biwak Sack und ein Handy dabeihaben. Habe ich diese Ausrüstung einmal gekauft, macht es absolut Sinn die nächsten paar hundert Euro in eine solide Ausbildung zum Umgang damit zu investieren. Dort kann die Frage über den Airbag dann genauer beantwortet werden. 

Gipfelfieber: Welches Grundwissen über Lawinen sollte jeder Skitourengeher unbedingt haben?

Lukas: Genauso wichtig wie die komplette Notfallausrüstung und der richtige Umgang damit ist, das Wissen darüber, wie ich den Abgang einer Lawine vermeide. Wie ich eine Tour richtig plane, oder wie ich meine Spur anlege. Dieses Thema ist mein Steckenpferd und ich versuche meine Kursteilnehmer zu sensibilisieren, wie sie wo unterwegs sind.

Gipfelfieber: Wie sieht deine ganz spezifische Vorbereitung auf eine Skitour aus? Wie findest du die richtige Skitour?

Lukas: Meine Vorbereitung auf eine Skitour beginnt bereits viele Tage vor der Tour mit einer gründlichen Tourenplanung. Ich beobachte das Wetter und die Verhältnisse. Dies ist keine Wissenschaft, das kann jeder. Dafür gibt es sehr viele nützliche Tools im Internet oder als App fürs Handy. Wichtig für mich ist immer, dass die geplante Tour auch zum Wetter und der Lawinensituation passt. Leider sehe ich häufig, dass nur in Foren oder auf Websites nachgeschaut wird wo viele unterwegs waren und so die Tour fürs Wochenende geplant wird.  Hier kann ich nur empfehlen: Macht euch eure eigenen Gedanken, lernt Karten zu lesen, den Lawinenlagebericht zu interpretieren und Regeln einzuhalten, der Rest kommt dann durch das selbst unterwegs sein.

Gipfelfieber: Kannst du unseren Lesern noch eine Einsteigertour im Montafon für den kommenden Winter empfehlen? 

Lukas: Eine leichte, landschaftlich sehr eindrucksvolle Skitour ist die durchs Gauertal zur Lindauer Hütte. Wer es lieber etwas sportlicher oder höher mag findet in der Silvretta Skitouren ohne Ende.

Gipfelfieber: Lieber Lukas, vielen Dank für das Interview und die interessanten Einblicke. Wir freuen uns, zusammen mit dir, die Themen “Sicherheit auf Skitouren” und “Lawinenkunde” weiter vertiefen zu können.

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