Der Riederstein und das Skelett im Tegernseer Bräustüberl

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Der Riederstein oberhalb des Tegernsees ist ein imposanter Felszacken auf dem eine kleine Kapelle thront. Eine tragische Geschichte mit einem skurillen Ende spielte sich hier Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts ab.

Der Riederstein und das Skelett im Tegernseer Bräustüberl © Gipfelfieber
Der Riederstein und das Skelett im Tegernseer Bräustüberl © Gipfelfieber

Es war im Spätsommer 1897 als sich im Tegernseer Tal ein beinahe unwirkliches Schauspiel zutrug. Nachdem der Wegebauer Bergmaier, der vom frisch gegründeten Verein zum Erhalt der Riedersteinkapelle beauftragt wurde, den Weg mit seinen über 500 Stufen hinauf auf den Riederstein und seiner kleinen Kapelle zu erneuern, mit seiner Arbeit fertig war, machte er sich auf den Weg ins heute über die Talgrenzen hinaus bekannte Tegernseer Bräustüberl. Die Brotzeit hatte er sich nach der schweißtreibenden Arbeit im Hochsommer doch redlich verdient.

Während er die erste Maß Bier am Stammtisch recht zügig und ohne ein Wort zu verlieren, ausgetrunken hatte, war der Bergmaier im Begriff sich ein Wurstbrot zu schmieren und sagte ganz beiläufig zu seinen Stammtischkameraden:

“I hob`n Schittler Hartl von St. Quirin gfundn!”





Mit Unglauben reagierten die den Bergmaier umgebenden Stammtischbrüder, selbst als er mit mehr und mehr Details herausrückte. Er sei an der Lourdes-Grotte am Fuß des Riedersteins damit beschäftigt gewesen, Sand auszugraben als er mit der Schaufel in zwei Fuß Tiefe auf etwas Hartes stieß. Nach und nach buddelte der Bergmaier die menschlichen Überreste aus und brachte ein komplettes Skelett zum Vorschein. Ein Skelett mit deutlichen Spuren, dass der Tod unnatürlich und unvermittelt kam. Zwei Einschusslöcher am Schulterblatt. Deutliche Dellen und Einschnitte am Schädel.

Verblüffende Wahrheiten

Die Stammtischbrüder im Tegernseer Bräustüberl glaubten ihm immer noch nicht, vermuteten eher der Bergmaier möchte sich wichtig machen, indem er behauptet den vor knapp 36 Jahren spurlos verschwundenen jungen Mann gefunden zu haben.

“Mögts’n seng? I hob’n dabei”

Das entgegnete der Bergmaier und griff dabei zu seinem Rucksack, den er beim Ankommen unter dem Tisch abgestellt hat. Knochen um Knochen hatte er am Riederstein eingesammelt und legte diese nach und nach, dabei ganz bedächtig auf den Biertisch. Den Schädel ganz zum Schluss.

Die Traube an ungläubigen Gesichtern um den Tisch wurde immer größer. Genau wie die Stille. Und nur noch letzte Zweifel blieben im Raum. Die hellen Zähne. Das könnte tatsächlich der Schittler Hartl sein. Aber wie soll es bewiesen werden? Ein Gast hatte eine Idee: Der Hut des Vermissten wurde zur Zeit seines Verschwindens am Wallberg gefunden und die Familie behielt ihn bis anno dazumal als Andenken. Schnell wurde der Hut herbei gebracht und dem skelettierten Schädel aufgesetzt. Und siehe da: Er passte wie angegossen.

Wer war der Schittler Hartl?

Gedenktafel Schittler Hartl © Gipfelfieber
Gedenktafel Schittler Hartl © Gipfelfieber

Allzu viel ist über den Schittler Hartl nicht bekannt. Nur so viel: Leonhard Pöttinger, so sein bürgerlicher Name, Ende 20, brach am 29. Oktober 1861, also fast 36 Jahre bevor er unter anderen Umständen wieder am Riederstein auftauchte, auf, um auf die Pirsch zu gehen. Eine Pirsch ohne Wiederkehr, denn der vermeintliche Wilderer wurde wohl vom Förster und seinem Jagdgehilfen auf frischer Tat ertappt. Schon nach dem Verschwinden von Leonhard Pöttinger hatte man die beiden in Verdacht, nur bewiesen werden konnte es nie. Ohne Leiche kein Beweis. Auch der Hut, vermutlich bewusst ganz woanders als falsche Fährte platziert, taugte nicht, um einen Verdacht zu erhärten und so kamen beide schließlich unbescholten davon. Immerhin fand der Schittler Hartl viele Jahre nach seinem Tod noch eine würdevolle Ruhestätte statt auf ewig am Fuß des Riedersteins elendig verbuddelt zu bleiben.

Die Wanderung auf den Riederstein

Unsere Wanderung auf den Riederstein startet direkt im Ort Tegernsee unweit des Pfliegelhofs. Wir folgen kurz dem Leeberghöhenweg nach Süden, aber schon bald weisen erste Schilder in Richtung des Berggasthauses am Fuß des Riedersteins. Im Wald überwinden wir schnell die ersten Höhenmeter. Bald erreichen wir eine Anhöhe mit einem stattlichen Kreuz. Eine in den Wald geschlagene Schneise bietet einen tollen Ausblick auf den leuchtenden Tegernsee. Vom imposanten Felssporn des Riedersteins ist allerdings noch nichts zu sehen.

Der Aufstieg flacht nun deutlich ab und im Wald folgen wir dem Wegverlauf der Forststraße in stetem Auf und Ab und nach etwa einer Stunde Gehzeit erreichen wir das Berggasthaus Riederstein am Galaun, hinter dem der eindrucksvolle Riederstein mit seiner Kapelle am Gipfel aufragt.

Für eine Rast ist es noch zu früh und so folgen wir dem Weiterweg zum Riederstein, kommen bald zu den ersten Stufen, die von Kreuzwegstationen flankiert werden. Wir folgen dem rot markierten Weg und schon kurz nach der Gabelung entdecken wir rechter Hand die Lourdes-Grotte und den Fundort des Schittler Hartl. Eine Maria wacht über das ehemalige Grab und eine Tafel erinnert an den Toten.

Knapp 500 Stufen sind es, die uns auf der Südseite des steilen Felszackens weiter und weiter nach oben bringen. Wir treffen bald schon auf den blauen Weg, der von rechts etwas weniger steil heraufkommt, bezwingen die letzten Stufen bis zum Gipfel (1.207 m), auf dem die kleine Riedersteinkapelle thront (ca. 20 – 25 Minuten ab Berggasthaus Riederstein).

Die Riedersteinkapelle

Einer Sage nach wurde die Kapelle auf dem Gipfel des Riedersteins dort errichtet, nachdem ein Jäger dort von einem Bären angegriffen wurde. Der Jäger konnte noch schießen, doch beide stürzten in die Tiefe, wo der Bär schließlich den Sturz des Jägers abfederte und dieser so überlebte. Zum Dank erbaute er auf dem Riederstein die Riedersteinkapelle. Die steht dort bereits seit 1850 und wurde 1864 nochmals erweitert. Ein Geländer sichert die steilen Abbruchkanten und so lassen sich vom Gipfel die Blicke hinab zum Tegernsee und hinüber zum Leonhardstein, zu Ross- und Buchstein, zum Hirschberg und vielen mehr genießen.

Alternativer Abstieg

Vom Riederstein-Gipfel geht es nun auf dem blauen Weg zurück bis zum Berggasthaus Riederstein, dort folgen wir aber nicht dem bekannten Aufstiegsweg, sondern halten uns links und steigen bis zum Leerberghöhenweg ab, dem wir nach rechts zurück bis zum Ausgangsort folgen.

Fazit

Die Wanderung auf den Riederstein ist eine kurzweilige Angelegenheit. Seine Form ist trotz der geringen Höhe imposant. Garniert wird die weitestgehend leichte Tour auf den Riederstein mit der spannenden Geschichte des Wilderers Leonhard Pöttinger, der hier 1861 unfreiwillig sein Leben lassen musste und der erst mehr als 35 Jahre später gefunden wurde.

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