Von Hütte zu Hütte im Sellrain: Bergsommer mal anders

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Bei der Hüttentour durch das Sellrain erleben wir, was Sommer in den Bergen eben auch bedeuten kann. Und doch ist die Runde in den Stubaier Alpen über vier Hütten, zahllose Scharten und ein paar Gipfel von faszinierender Schönheit geprägt.

Von Hütte zu Hütte im Sellrain: Bergsommer mal anders © Gipfelfieber

Von Hütte zu Hütte im Sellrain: Bergsommer mal anders © Gipfelfieber

Es ist Ende Juli und der dritte Tag auf unserer Tour von Hütte zu Hütte durch das Sellrain als wir uns hinauf zum Winnebachjoch quälen. Bis zum Knie und tiefer sinken wir im frischen Schnee ein. Schuhe und Klamotten sind bald völlig durchnässt. Ein Fluch folgt auf den nächsten. Was machen wir hier? Warum machen wir das? Wie kann das denn überhaupt alles sein? Es ist doch Sommer.

Dabei hätten wir damit rechnen müssen. Schon bei der Anfahrt ins Kühtai sind die Berge leicht bezuckert. Und bei den ersten Anstiegen wird uns bewusst, was Bergsommer eben auch bedeuten kann. Nicht nur saftig grüne Wiesen, auf denen Kühe grasen, die garantiert glücklich sind. Murmeltiere, die in Habachtstellung vor ihrem Bau stehen und lästige Besucher mit einem Pfeifkonzert quittieren. Sondern Schnee und Eis.




Tag 1: Von Kühtai zur Schweinfurter Hütte

Lange 23 Kilometer windet sich die Straße immer tiefer in die Stubaier Alpen durch das Sellraintal bis hinauf nach Kühtai auf etwas über 2000 Meter Seehöhe. Dass hier vor allem der Wintersport boomt, sieht man schnell. Im Sommer stillstehende Liftanlagen und ein Ort, der ein bisschen zu sehr gewollt nach Alpenkitsch und Retorte aussieht, so dass es auch ein guter Nachbau in China sein könnte. Aber mit städtebaulichem Auftrag sind wir ja nicht hier.

Uns zieht es in die Natur, in die Berge und so starten wir mit Sack und Pack von Kühtai gen Süden und lassen die Zivilisation doch noch nicht ganz hinter uns. Bis zum Finstertalspeicher, etwa 300 Höhenmeter über Kühtai gelegen, kreuzen wir immer wieder eine breite Fahrstraße, durchqueren Tunnel. Zu seiner Eröffnung Anfang der 80er Jahre war der Speicher mit seinem Kraftwerk das leistungsstärkste Pumpspeicherkraftwerk in Europa und liefert noch heute Strom für zehntausende Haushalte.

Nachdem wir den See an seiner Ostseite passieren, tauchen wir an seinem Südende tief hinein in die Stubaier Alpen und das Sellrain. Während der Steig nach rechts auf den 3016 m hohen Sulzkogel weiterführt, halten wir uns links gen Finstertaler Scharte, stoßen bald auf ein paar der Sonne trotzende Schneereste und beobachten eine Lawine, die zwischen Schöllerkogel und Kraspesspitze hinab donnert. Unschwierig erreichen wir die Scharte auf 2777 m, während ein erster leichter Schneefall einsetzt, der uns die Laune aber nicht verderben soll.

In der zurückgekehrten Nachmittagssonne geht es stetig bergab, nie wirklich steil und nach etwa vier Stunden reiner Gehzeit und knapp 8,5 Kilometern von Kühtai erreichen wir die Schweinfurter Hütte (2034 m).

Tag 2: Schweinfurter Hütte – Zwieselbachjoch – Winnebachseehütte

Während um uns herum die Dreitausender in düsteren Wolken aufragen, starten wir am nächsten Morgen nach einer ruhigen Nacht von der Schweinfurter Hütte hinein ins Zwieselbachtal, immer dem Bachlauf folgend. Gemächlich geht es bergan, die Landschaft wird immer karger und lebensfeindlicher und bald treffen wir auf die Überreste des Zwieselbachferners, einem Gletscherrest, der den Namen schon kaum noch verdient. Mit etwas Weiß unter den Sohlen erreichen wir den höchsten Punkt des Tages, das Zwieselbachjoch auf 2868 m. Von dem geht es unschwierig in etwa 1,5 Stunden hinab zur Winnebachseehütte (2362 m), die am gleichnamigen Winnebachsee liegt.

In der Hütte erwartet uns ein wahres Tollhaus. Eine Gruppe aus Holland übertönt die restlichen Wanderer und Bergsteiger, proppevoll ist es obendrein und wir haben nicht reserviert. Und trotzdem Glück: Ein Zweibett-Zimmer ist frei und spendiert einen der schönsten Schlafplätze, die wir auf Alpenvereinshütten serviert bekommen haben, nämlich direkt unter einem Dachfenster, das zwar keinen Blick auf die Sterne bietet (sonst sicher schon), aber auf dem man genüsslich dem Regen zuschauen kann wie er auf die Scheibe tröpfelt.

Tag 3: Winnebachseehütte – Winnebachjoch – Westfalenhaus

Der Gedanke an das romantische Regenplätschern vom Vorabend verschwindet, während wir am nächsten Tag hinauf zum Winnebachjoch spuren. Sich abwechselndes Fluchen und Einsinken, oft auch beides zusammen, begleitet uns über Stunden und Spaß haben wir keinen. So haben wir uns die Hüttentour durch das Sellrain sicherlich nicht vorgestellt. Nur die Gedanken an eine warme Stube treiben uns an. Hinter dem Winnebachjoch (2782 m) wartet eine kurze mit Stahlseilen gesicherte Steilstufe und ansonsten ein steter, zuletzt etwas steilerer Abstieg zum Westfalenhaus (2276 m).

Für hochgewachsene sind die Lager in der Hütte direkt unter dem Dach vielleicht nichts. Dafür sind die von einander abgetrennten Schlafstätten richtig gemütlich und sorgen für zufriedene Gesichter. Erst recht als nach dem Abendessen die noch halbvolle Pfanne Kaiserschmarrn vom Nachbartisch zu uns wandert und der Hüttenwirt vom Westfalenhaus die mit den übrig gebliebenen Resten aus der Küche füllt.

Was bekommt man schon seit der Kindheit eingebleut? Wenn die Sonne scheinen soll, muss aufgegessen werden.

Tag 4: Westfalenhaus – Schöntalspitze – Neue Pforzheimer Hütte

Am vierten Tag unserer Tour von Hütte zu Hütte durch das Sellrain werden wir für das Aufessen endlich belohnt. Die Sonne strahlt. Und wir mit ihr. Über Almwiesen gelangen wir in immer steiler werdendes Gelände, um schließlich im Zickzack zur Zischgenscharte aufzusteigen. Der Neuschnee vom Vortag ist fast komplett verschwunden und ermöglicht so auch die Besteigung der Schöntalspitze. Mit ihren 3002 m immerhin ein lupenreiner Dreitausender, der in leichter Kletterei, zwischendrin mit Stahlseilsicherung, von der Scharte in etwa 20 Minuten erklommen wird.

Endlich gutes Wetter. Endlich ein Gipfel. Zufrieden steigen wir zurück in die Scharte und schließlich am Rand des Zischgenferners und ohne Spaltengefahr gen Neue Pforzheimer Hütte ab. Die ist schon von weitem erkennbar, aber der Weg zieht sich und der Bach lädt hier und da zu einer Erfrischung ein. Ein letzter Gegenanstieg zur Hütte (2310 m), Kaffee und Kuchen, während sich draußen der Himmel schon wieder verdüstert.

Tag 5: Neue Pforzheimer Hütte – Haidenspitze – Neue Pforzheimer Hütte

Das Glück ist uns nicht hold und beschert uns keinen weiteren Sahne-Tag. Um dem Hüttenkoller im Sellrain vorzubeugen, wagen wir uns an die Besteigung der Haidenspitze. Das schrofige Gelände ist im steten Regen kein großes Problem, bietet aber trotzdem die Möglichkeit für Fehltritte und ist nicht zu unterschätzen. Je näher wir dem Gipfel auf 2975 m gelangen, desto felsiger und seifiger wird der Untergrund, denn der Himmel überschüttet uns mit glitschigem Schneeregen. Aufgeben ist keine Option und nie wird es bedenklich oder riskant, aber Gipfelfreude sieht trotzdem anders aus. So schnell wie es geht, eilen wir wieder hinab in die Neue Pforzheimer Hütte, schälen uns aus den klitschnassen Klamotten und wärmen uns am Kachelofen.

Tag 6: Neue Pforzheimer Hütte – St. Sigmund

Eine Besserung des Wetters ist nicht in Sicht und so fällt der Beschluss nicht schwer, die Hüttentour durch das Sellrain vorzeitig zu beenden. Nicht enden wollender Nieselregen erleichtert uns beim Abstieg nach St. Sigmund den Abschied. Knappe zwei Stunden benötigen wir bis dahin. Von St. Sigmund fahren wir mit dem Bus zurück nach Kühtai und zu unserem Startpunkt.

Fazit

Trotz aller Widrigkeiten bei der Hüttentour durch das Sellrain überwiegen die positiven Eindrücke. Der Weg ist schließlich das Ziel. Das Draußen-Sein. Das Unterwegs-Sein mit Freunden. Wenn dabei noch der ein oder andere Gipfel herausspringt, umso besser.

Insgesamt ist die Runde von Hütte zu Hütte sicherlich nicht ganz einfach, auch wenn es täglich selten mehr als 700 Höhenmeter sind, die erklommen werden müssen. Man bewegt sich durchgehend über 2000 m Höhe, also im hochalpinen Gelände. Pro Tag über mindestens vier bis fünf Stunden. Gletschererfahrung benötigt man für die letzten Reste allerdings keine. In naher Zukunft dürfte von den Gletschern, die während der Tour durch das Sellrain touchiert werden, sowieso nichts mehr übrig sein. Allerdings, und auch das lehrte die Hüttentour: Im Hochgebirge muss man selbst im Hochsommer mit allem rechnen und seine Ausrüstung entsprechend angepasst haben.


Letzte Änderung: 12. August 2017

4 Antworten zu " Von Hütte zu Hütte im Sellrain: Bergsommer mal anders "

  1. Rebecca sagt:

    Hach ja, ich kenne das: Während der Tour flucht und flucht man; hinterher huscht einem ein Lächeln durchs Gesicht, wenn man an die Tage in den Bergen denkt. Gerade solche Hüttentouren im alpinen Gelände sind einfach immer wieder wunderschön!

    Viele Grüße

    Rebecca

  2. […] Von einer mit wechselhaftem Wetter geprägten Hüttentour im Sellrain berichtet Andreas. > zum Bericht […]

  3. […] nicht unbedingt. Aber bei Frühstartern, die zum Sonnenaufgang am Gipfel sein wollen, Hüttenwanderern, die nicht den ganzen Schlafsaal wecken wollen, wenn sie was im Rucksack suchen oder wenn die Tage […]

  4. […] Wanderung von Hütte zu Hütte steht auf dem Programm, doch was soll man eigentlich alles mitnehmen? Der Erfahrung nach besteht […]

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