Sonnenaufgang am Spitzstein und die Frage: Was ist eigentlich ein Hausberg?

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Der Spitzstein ist einer der Münchener Hausberge und an schönen Tagen viel besucht. Wer zum Sonnenaufgang auf dem Gipfel steht, hat gute Chancen, allein hier oben zu sein. Und sich Gedanken darüber zu machen, was ihn zum Hausberg machen könnte. 

Sonnenaufgang am Spitzstein und die Frage: Was ist eigentlich ein Hausberg? © Gipfelfieber

Sonnenaufgang am Spitzstein und die Frage: Was ist eigentlich ein Hausberg? © Gipfelfieber

“Nach Sachrang ins Chiemgau ziehe ich demnächst”, entgegne ich einem Bekannten, einem Bergfex alter Schule, beim Sport auf seine Frage, wo es denn nun hingeht. Raus aus der Großstadt. Ab auf`s Dorf. Mitten in die Berge. “Ah, da ist es schön. Da ist auch mein Hausberg, der Spitzstein”, erwidert er.

Sein Hausberg? In 90 Kilometer Entfernung? Das lässt mich stutzig werden und in den kommenden Tagen überlege ich, was einen Hausberg eigentlich ausmacht. Und wie es eigentlich Münchener Hausberge geben kann? Olympiaberg, der immerhin eine alpine Abfahrtsstrecke vorweisen kann und der Müllberg unweit der Allianz Arena vielleicht. Aber Wallberg, Jochberg, Rotwand, Hirschberg, Roß- und Buchstein (alle ohne alpine Abfahrtspiste!) oder sogar die Zugspitze? Allen eint nur, dass sie weit vor den Toren von München, mindestens eine Stunde Fahrt entfernt, liegen. Das soll also zählen?




Was macht einen Hausberg zum Hausberg?

Auch Wikipedia macht nicht schlauer: “Ein Hausberg eines Ortes oder einer Liegenschaft ist ein markanter Berg in seiner unmittelbaren Nähe, dem Weichbild des Orts. Liegt eine Erhebung unmittelbar in der Stadt, spricht man eher von Stadtberg. Zum Hausberg der Stadt blickt man hinauf, er hat aber noch mehr die Funktion, dass man von ihm auf die Stadt hinabschaut.” Nahe muss er also sein.

Wer weiter sucht, findet auch bald einen richtigen Hausberg, nämlich den bei Garmisch. Der Garmischer Hausberg ist quasi der Hausberg von Garmisch. Sogar mit einer eigenen Anschrift ist er ausgestattet und auf seine stattlichen 1320 Meter führt eine Seilbahn und macht ihn so zum perfekten Familienausflugsberg.

Von Sachrang auf den Spitzstein

Im Leuchtkegel der Stirnlampe © Gipfelfieber

Im Leuchtkegel der Stirnlampe © Gipfelfieber

Das ist der Spitzstein freilich auch. Aber den muss man sich selbst erlaufen oder erfahren oder beides. In Sachrang passt der Spitzstein in die Kategorie Hausberg, schließlich fängt man seine Besteigung an, indem man den ersten Schritt aus der Haustür tut. Oder sich auf das Rad schwingt, denn über die asphaltierte Straße, die bis zum Spitzsteinhaus knapp 350 Meter unterhalb des Gipfels führt, lässt es sich sehr gut auffahren. In der Nacht verschwinden die hübschen Wälder und Almen allerdings und nur langsam wackelt der Lichtkegel der Stirnlampe bergan. Kurve um Kurve, vorbei an einigen Höfen, deren idyllische Lage sich im Dunkeln schon erahnen lässt.

Was macht einen Hausberg zum persönlichen Hausberg, wenn er aber doch so weit entfernt liegt? Die Frage geistert mir weiter durch den Kopf und wird jäh unterbrochen von Wildwechsel. Zwei Augenpaare leuchten mir am Wegesrand entgegen, die alsbald erkennen, dass ich in meinem Schneckentempo wohl keine Gefahr bin. Ist ein Berg dann ein persönlicher Hausberg, wenn man ihn besonders mag, besonders oft oben gewesen ist oder einfach nur seine Silhouette so mag? Gerade im letzteren Fall hätte ich dann wohl viele Hausberge. Und einige Hausberge, die ich wohl nie besteigen werde können. Das kann es also nicht sein.

Der Spitzstein als Hausberg?

Ob der Spitzstein das Potential dazu hat, von mir besonders gemocht zu werden? Werde ich oft hier sein? Wieder werde ich jäh aus den Gedanken gerissen, als die Natur ihren Wecker schrillen lässt. Während es am Horizont erst leicht dämmert, sind die Wälder plötzlich erfüllt von durchdringendem Vogelzwitschern. Aus allen Rohren und Schnäbeln wird der neue Tag euphorisch begrüßt. Schon nach Minuten klingt das aber ab und bald schon herrscht fast wieder nächtliche Stille während sich die Vögel beruhigt haben, vielleicht nochmal kurz einnicken oder mit dem Frühstück beschäftigt sind.

Vorbei am Spitzsteinhaus und zum Gipfel

Das stünde mir auch ganz gut zu Gesicht, denke ich mir nachdem ich Stoana- und Goglalm passiere und schließlich das Fahrrad direkt am Spitzsteinhaus parke, um den Rest zu Fuß weiter zu gehen. Über den breiten Hang oberhalb der Hütte und der Altkaseralm, schließlich steiler werdend und auf Grund des üppigen Schneefalls im April beschwerlicher durch eine Waldschneise zum Gipfel, dessen Kreuz man erst recht spät sieht.

Etwa zwei Stunden von der Haustür in Sachrang bis zum Gipfel des Spitzsteins auf 1598 m brauche ich. Wenn das nicht mein neuer, nein, mein erster Hausberg überhaupt  wird, weiß ich auch nicht. Ein Blick zu Horizont und Uhr zeigt allerdings: Ich bin zu spät. Vor zwei Minuten ist die Sonne schon über den Horizont gekrochen, taucht Gipfelkreuz, die kleine Kapelle und die zahllosen Berge im Osten, Süden und Westen in ein gleißend warmes Orangerot. Nimmt man den Spitzstein vom Tal eher als runde Kuppe wahr, wirkt spätestens sein Schattenwurf in der Morgensonne spitz wie ein Pyramide. Daher also der Name. Kein Mensch sonst teilt diesen Anblick und die zauberhafte Atmosphäre auf dem Spitzstein mit mir, begrüßt den Tag wie es besser wohl kaum geht. Nur das Frühstück fehlt.

Abfahrtsspaß ins Tal

Doch weit dahin ist es nicht, denn der Rückweg geht schnell von der Hand. Während am Wegesrand zurück zur Hütte die Enziane langsam von den Sonnenstrahlen geweckt werden, stehen weiter unten erst die Aurikel, später der Löwenzahn in voller Blüte und die Almwiesen leuchten in sattem Grün. Zeit, das näher zu betrachten habe ich keine, denn über die Teerstraße geht es auf dem Fahrrad rasant abwärts und am Ende stehen vom Gipfel bis zur Haustür nur knapp 45 Minuten auf der Uhr.

Hausberg? Die Mischung macht`s

Wie ist das jetzt mit dem Hausberg ganz allgemein? Eine Mischung muss es sein. Eine Mischung aus räumlicher Nähe (maximal 100 Kilometer vielleicht?) und persönlicher Vorliebe für eben diesen einen Berg, der zum Hausberg auserkoren ist. Und trotzdem: Einmal bestiegen und schon eine vertrauliche Bindung? Irgendwie fühlt es sich so an. Vor der Tür liegt er auch. Hallo Spitzstein, neuer Hausberg. Ich bin bald wieder da.


Letzte Änderung: 12. August 2017

6 Antworten zu " Sonnenaufgang am Spitzstein und die Frage: Was ist eigentlich ein Hausberg? "

  1. wunderschöner Bericht.
    ich war auch schon auf dem Spitzstein;quasi zum Frühstück, und anschließend noch aufs Kranzhorn zum Mittag. Tolle Tour, kanns nur empfehlen.

  2. […] Wer schon immer mal der Sonne beim Aufgehen von oben zuschauen wollte. Es lohnt sich. […]

  3. […] das vom Chiemsee im Norden, tief hinein ins Inntal und bis zum Alpenhauptkamm im Süden reicht. Hier gibt es alle Infos zur Tour auf den […]

  4. […] zur Bergtour startet, braucht sie wahrscheinlich nicht unbedingt. Aber bei Frühstartern, die zum Sonnenaufgang am Gipfel sein wollen, Hüttenwanderern, die nicht den ganzen Schlafsaal wecken wollen, wenn sie was im […]

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