Lieber Mautflüchtling

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Pünktlich zum Bettenwechsel in den Skigebieten rollt die Blechlawine durch die Alpen. Inklusive etlicher Urlauber, die der Maut in Österreich aus dem Weg gehen wollen. Eine Spurensuche.

Lieber Mautflüchtling © Gipfelfieber.com

Lieber Mautflüchtling © Gipfelfieber.com

Lieber Mautflüchtling,

am Wochenende brichst du nun wieder über die deutsch-österreichischen Grenzregionen hinein und ich frage mich immer, warum du das dir und den Anwohnern eigentlich antust. Vorab, vielleicht mag es in Zeiten von Pegida, Bagida, Legida, Hogida und Frigida (gibt`s wirklich!) nicht ganz richtig sein, in einem eher lächerlichen Ton über Flüchtlinge herzuziehen, aber wie die besagten Gruppen scheinst auch du gerne vor dem Offensichtlichen die Augen verschließen zu wollen. Ich habe mir ein paar Gedanken gemacht, um dich verstehen zu können.

Jahr für Jahr brichst du in Bälde bei dir zu Hause auf, um pünktlich und mit Sack und Pack bepackt die österreichischen Skiregionen heimzusuchen. Die Schweiz ist dir ja schließlich zu teuer. Aber schlau wie du bist, fährst du natürlich nicht über die Inntal-Autobahn, um in Tirol einzufallen, sondern tuckelst wie tausende andere gemütlich über Tegernsee und Achensee, quetschst dich durch Mittenwald oder quälst dich und deine quengelnde Bagage hinter einem LKW oder einem Reisebus über den Fernpass.

Irgendwo muss man ja sparen

Sessellift im Stubai © Gipfelfieber.com

Sessellift im Stubai © Gipfelfieber.com

Klar, so ein Skiurlaub ist teuer. Grob geschätzt haut eine vierköpfige Familie in einer Woche mit Hotel, Skipass und Skischule locker 2000 € auf den Putz. Wenn es denn reicht. Irgendwo muss sich da ja Sparpotential finden lassen. Mit dem Liftbetreiber über einen Rabatt diskutieren, du seist ja schließlich eine ganze Woche da? Aussichtslos! Mit dem Inhaber der Skischule verhandeln wollen, es gäbe ja genügend andere Skischulen, wo du hingehen könntest, wenn du nicht eine Vergünstigung bekommst? Viel Glück dabei! Erfolgsversprechender ist es da schon eher, wenn du vom Frühstücksbüffet ein paar geschmierte Semmeln unter der Jacke hinausschmuggelst, um dir mittags die Pommes für 4,50 € auf der Hütte zu sparen bzw. um dir noch ein Weißbier oder ein paar Schnapserl mehr zu genehmigen.




Da bietet sich diese blöde Vignette – das Pickerl – natürlich an. Kann ich verstehen, dass du da hellhörig wirst. Warum sollst du für die Fahrt ins Skigebiet 8,70 € bezahlen, wenn du es auch kostenlos haben kannst? Nur hierzulande sollen die anderen möglichst bald zahlen, wir sind ja ein Transitland. Und die Zeitersparnis gibt es ja nun auch fast nicht mehr, seitdem auf der Inntal-Autobahn nur noch mit maximal 100 km/h gefahren werden darf. Dann lieber zeigen, wofür man sich einen 60.000 €-SUV gekauft hat und über den Pass fahren. Nur Schnee liegt hoffentlich keiner auf der Straße. Und wenn dann doch ein Zentimeter Neuschnee die Oberfläche benetzt, halte lieber vorher an und ziehe die Schneeketten auf. Man weiß ja nie.

Die Landschaft ist doch so schön

Du entgegnest mir jetzt natürlich, dass dich bei deinem 2000 €-Urlaub in deinem 60.000 €-Auto die 8,70 € nicht weiter interessieren. Du flüchtest ja auch gar nicht vor der Maut, du fährst mit voller Absicht über den Tegernsee, weil es da ja so schön ist, wenn man zum Fenster rausschaut. Zugegeben, der gemeine Münchener sieht das genauso, weswegen er sich beim kleinsten Sonnenstrahl am Samstag und Sonntag auf den Weg zum Tegernsee macht, um pro Richtung geschlagene zwei Stunden im Auto zu sitzen. Der bleibt dann aber wenigstens auch dort und schaut nicht nur zum Fenster (höchstens dem vom Bräustüberl) raus. Du dagegen sitzt im Auto, erfreust dich des Sees wie er da so malerisch eingebettet zwischen den Bergen liegt während deine Frau neben dir schläft und deine Kinder auf dem iPad Disney-Filme schauen, um sie auch ja bis zur Ankunft still zu halten.

Eine Frage drängt sich mir aber auf: Wenn du es da so schön findest, warum bist du noch nicht auf die Idee gekommen, dort auch deinen Urlaub zu verbringen? Zu viel Durchgangsverkehr vielleicht? Oder ist dir das Skigebiet zu klein? Unter 100 Pistenkilometern kommt ein Skigebiet nicht in Frage, weil du ja eine Woche lang Abwechslung brauchst, am Ende aber trotzdem immer wieder die gleiche Piste fährst, weil die ja schließlich den ganzen Tag Sonne hat?

Ein Haus im Grünen

Jetzt stell dir doch aber mal folgendes vor: Du wohnst in einem schönen beschaulichen Ort mitten im Grünen. Leider hat der Ort bis auf einen Bratwurststand nicht sonderlich viel zu bieten, während der Nachbarort den größten und schönsten Badesee überhaupt hat und so die Straße direkt bei dir vor dem Haus regelmäßig am Wochenende so verstopft ist, dass du dich nicht mal mehr traust, im Bademantel am Gartentor die Zeitung zu holen. Fändest du das toll?

Du möchtest das vielleicht nicht glauben, aber um solchen Heerscharen Herr zu werden, wurden unter anderem auch die Autobahnen gebaut. Die sollen eben verhindern, dass du dich mit den anderen Mautflüchtlingen durch die Dörfer schiebst, quasi mitten in der Natur tonnenweise CO2 rausballerst und dafür sorgen, dass du am Ende schneller an dein Ziel kommst. Und eins sei dir versichert: Wenn sich ein LKW mal wieder um die xte Spitzkehre schlängelt und du dahinter mit 10 km/h hertrottest, wirst du dir die 100 km/h auf der Autobahn herbeisehnen.

Und die Moral von der Geschicht`

…die Maut, die zahlst du trotzdem nicht. Aber vielleicht, lieber Mautflüchtling, denkst du jetzt doch mal darüber nach, wie sinnvoll es wirklich ist, den 8,70 € zu entgehen. Verschwende ein paar Gedanken an die Anwohner, an die Natur und an dein Nervenkostüm. Sie alle danken es dir.

*Ach ja: Bitte alles nicht so ernst nehmen. Den Kern aber bitte schon.


Letzte Änderung: 6. Dezember 2016

4 Antworten zu " Lieber Mautflüchtling "

  1. Heinz sagt:

    Absolut zutreffender Beitrag!
    Ich wohne im Wipptalund wenn ich an den Sommer denke, vorallem an den Wochenenden kommt mir die Galle hoch!
    Den Ganzen Tag rollen Blechkollonnnen durch unser schönes Steinach, teilweise kommt man ein paar Minuten nicht über die Straße. Dieser Zustand muss geändert werden, denn das ist eine Zumutung für alle Bewohner des Ortes. Den ganzen laiben Tag Stau, Gehupe, Lärm und CO2!! Wir werden in den Sommermonaten eine Blockade organiersen um an einem Samstag diese unnötigen Mautflüchlinge auf die Autobahn zu zwingen!
    Lieber Mautflüchtling pass auf, denn ich werde jeden anzeigen der irgend eine Übertretung nach Lärm (Hupen), StVO (Überholverbot, Sperrlinie etc.) oder anderen Delikten setzt. Diese Zeit nehem ich mir , sei dir sicher!!! Denn das soll sich rumsprechen, dass ihr liebe Mautflüchlinge bei uns im Dort unerwünscht seid!
    Heinz

  2. […] Lieber Mautflüchtling (11. Februar 2015) […]

  3. […] von Kreuth hat jeder Wanderer, der in den Bayerischen Voralpen gern unterwegs ist und auch jeder Mautflüchtling, der den Weg über das Inntal-Dreieck scheut und stattdessen über den Achenpass nach Österreich […]

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