Eine Nacht am kältesten Punkt Deutschlands

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Mitten im Dezember eine Nacht am kältesten Punkt Deutschlands verbringen. Und das auch noch unter freiem Himmel. Klingt verrückt. Ist es auch ein bisschen. Aber nur ein bisschen.

Eine Nacht am kältesten Punkt Deutschlands © Gipfelfieber.com

Eine Nacht am kältesten Punkt Deutschlands © Gipfelfieber.com

So richtig ist der Winter ja immer noch nicht eingekehrt. Ein Grund, weswegen wir die Tour immer weiter nach hinten geschoben haben. In der Hoffnung, ideale Testbedingungen vorzufinden. Testbedingungen für was eigentlich? Dazu später mehr.

Start am Fuß der Watzmann-Ostwand

Am Morgen geht es ohne Eile los in München. Und das, wo doch seit drei Wochen das erste Mal hier wieder die Sonne scheint. Keine gute Idee? Doch, denn die Sonne begleitet uns bis nach Schönau am Königssee, dem eigentlichen Startpunkt unseres Unterfangens.

Wir satteln das Gepäck, holen ein Ticket für die Überfahrt nach St. Bartholomä (Hin- und Rückfahrt, 13,80 €, 3 Tage gültig). Im Vergleich zu den Sommermonaten ist nahezu nichts los. Insgesamt nur 25 bis 30 Leute setzen mit uns über. Für die Bootsführer und Bootsbegleiter muss sich das wie Urlaub anfühlen. Routiniert spulen sie ihr Programm ab.

Ein kurzer Hinweis auf die 70 Wallfahrer (bzw. wohl sogar 71), die am 23. August 1688 vermeintlich an der Falkensteinwand auf tragische Weise ertranken. Vermeintlich deshalb, weil sich das Unglück neueren Erkenntnissen des Berchtesgadener Heimatforschers Alfred Spiegel-Schmidt zufolge wohl eher am gegenüberliegenden Ufer von St. Bartholomä abgespielt haben muss und auch kein Gewittersturm die Ursache war, sondern vielmehr der Leichtsinn angeheiterter Fährleute. Für alle Interessierten gibt es in der Mediathek vom BR einen Beitrag dazu.

Auch das berühmte Königssee-Echo darf nicht fehlen und gespannt lauschen wir den wiederhallenden Hornklängen.

Schon lange bevor wir St. Bartholomä erreichen, kommt die majestätische und gleichsam berühmt-berüchtigte Ostwand des Watzmanns ins Blickfeld. Gewaltig liegt sie da. Aber irgendwie auch bezwingbar. Machen wir nächstes Jahr. Man braucht ja Ziele.

Über die Saugasse zum Kärlingerhaus

Während der Rest der Bootsfahrer sich nach der Anlandung in Richtung St. Bartholomä bewegt, satteln wir die Rucksäcke und brechen auf in Richtung Kärlingerhaus. Zunächst geht es eine Weile am See entlang, bevor er recht ordentlich ansteigt. Noch ein stückweit ist alles schneefrei, aber etwa auf Höhe der Schrainbuchalm gibt es eine geschlossene Schneedecke. Der Steig führt weiter in Richtung einer schmalen Rinne, wo es nun richtig steil wird. In endlosen Kehren geht es die (Dreck)Saugasse nach oben. Das zieht sich, ist aber irgendwann geschafft. Viel mehr Schnee darf hier übrigens nicht liegen, denn dann herrscht hier akute Lawinengefahr. An dessen Ende führt der Steig über die verfallene Oberlahneralm in Richtung Ofenloch. Hier wird es richtig zäh. Der Neuschnee der vergangenen Tage macht uns zu schaffen, aber irgendwann gehen wir unter tibetischen Fahnen hindurch, der Weg flacht ab und fällt schließlich die letzten hundert Meter bis zum Kärlingerhaus wieder ab.



Am kältesten Punkt Deutschlands

Etwas unterhalb des Kärlingerhauses liegt der Funtensee. Hier wurden im Jahr 2001 fürchterliche -45,9°C gemessen. Das liegt an der Lage des Funtensees inmitten eines Kessels, eingebettet vom Großen Hundstod, der Schönfeldspitze und dem Funtenseetauern, wo im Winter keine Sonne hinkommt und wo die Kälte tagsüber auch nicht abfließen kann. So bleibt sie dort und führt zu solchen für unsere Breiten äußerst ungewöhnlich niedrigen Temperaturen.

So kalt ist es zum Glück nicht, als wir dort ankommen. Denn trotz Winterraum haben wir uns vorgenommen, unter freiem Himmel zu schlafen.* Warum das? Ganz einfach: Wir wollen Schlafsäcke auf ihre Kältetauglichkeit testen. Und wo ginge das besser als am kältesten Punkt Deutschlands?

Zunächst machen wir es uns aber im Winterraum bequem und genießen die Wärme des Ofens, Nudeln mit Tomatensauce und lachen über Einträge aus einem alten Reisetagebuch. Irgendwann ist es soweit und wir bauen unser Lager auf der Terrasse des Kärlingerhauses auf. Isomatte, Schlafsack, das war`s.

Ein ausführlicher Testbericht folgt noch. Soviel vorweg: Überraschenderweise war es richtig angenehm. Nur der einsetzende Schneefall hat irgendwann angefangen, im Gesicht zu kitzeln.

Der Morgen danach

Zurück geht`s passenderweise mit dem Schiff "Funtensee" © Gipfelfieber.com

Zurück geht`s passenderweise mit dem Schiff “Funtensee” © Gipfelfieber.com

Am nächsten Morgen hängt eine dicke graue Suppe im Kessel und nur kurz erhaschen wir zwischendrin einen Blick auf die umliegenden Berge. Wir beschließen daher, auf keinen Gipfel mehr zu gehen, sondern wieder zurück zum Königssee. Das auch wieder über den Normalweg, denn im Winter kommt man von Salet nicht mehr mit dem Schiff weg. Das verkehrt nur bis St. Bartholomä. Es geht wesentlich schneller als der Aufstieg und nach ziemlich genau 2,5 Stunden sind wir zurück zwischen ein paar wenigen Touristen, die sich nach St. Bartholomä verirrt haben.

Auch wenn mal kein Gipfel auf dem Programm stand, war die Nacht am Funtensee doch etwas Besonderes. Gar nicht so kalt wie erwartet und dank der Daunen auch wohlig warm gebettet. Könnte man glatt wiederholen…

*Ein kurzer Hinweis: Das Biwakieren in der Kernzone des Nationalparks Berchtesgaden ist untersagt. Daher haben wir auch nicht direkt am See übernachtet, sondern lediglich auf der Terrasse des Kärlingerhauses, um nichts und niemanden auch nur irgendwie zu stören. 


Letzte Änderung: 6. Dezember 2016

5 Antworten zu " Eine Nacht am kältesten Punkt Deutschlands "

  1. Rebecca sagt:

    Coole Sache! Ich hätte mich wohl nicht überwinden können, draußen zu schlafen, wenn neben mir die warme Stube lockt, von daher Respekt 🙂

    Schade, dass es nicht mehr für einen Gipfel gereicht hat, aber die überzuckerte Landschaft hatte so sicher auch schon ihren Reiz.

    Liebe Grüße

    Rebecca

  2. Nikolaus sagt:

    Wow, ich wusste gar nicht, dass es in Deutschland so kalt werden kann… Auch wenns bei euch nicht ganz so kalt war, sehr tapfer 🙂 Ich werde mir die Tourbeschreibung gleich abspeichern, weil ich im Sommer in der Gegend um Berchtesgaden sein werde und vorhabe, jeden Tag eine Tour zu gehen. Übernachtungstipp hast du wahrscheinlich keinen, wenn du “nur” biwakiert hast, oder? Ich habe auf der Seite berchtesgaden360.de schon ein bisschen gestöbert und da gibts zum Glück eine große Auswahl, aber gegen eine persönliche Empfehlung hätte ich nichts einzuwenden. Oder Links zu anderen Touren, die du empfehlen kannst… Danke! Lg, Nikolaus

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