Vom Gaustatoppen zum Mittelpunkt der Erde

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Ein Sechstel des Landes soll man vom höchsten Gipfel der Telemark-Region im Süden Norwegens sehen können. Doch selbst wenn der Blick keine 60 Meter reicht, lohnt der Aufstieg auf den Gaustatoppen.

Vom Gaustatoppen zum Mittelpunkt der Erde © Gipfelfieber.com

Vom Gaustatoppen zum Mittelpunkt der Erde © Gipfelfieber.com

Wieder einmal Norwegen. Diesmal die Telemark-Region. Und auf ihren höchsten Gipfel. Erst Tage später und längst schon 50 Kilometer weiter, wird uns seine Dominanz bewusst. Während sich der Gaustatoppen bei unserer Besteigung in Wolken gehüllt präsentierte, erfassen wir ein paar Tage darauf, wie mächtig er da hinten am Horizont thront und aus seiner Umgebung herausragt.

Die Telemark

Der Gaustatoppen ist mit seinen 1883 Metern der höchste Berg der Telemark-Region. Die liegt westlich von Oslo und erstreckt sich über knapp 15.000 Quadratkilometer bis tief hinein in das norwegische Inland. Die Telemark ist – typisch Norwegen – geprägt von unzähligen Fjorden, Seen und Berglandschaften. Aber was hat es mit dem Namen auf sich? Den kennt man doch vom alpinen Skifahren und vom Skispringen. Das ist schnell erklärt: Der Telemark-Stil kommt aus der Region und was lag da näher als ihn direkt so zu nennen?




Normalweg auf den Gaustatoppen

Bei grauem wolkenverhangenen Himmel und zügigen Windböen – nicht wirklich bestem Bergwetter also – starten wir unseren Aufstieg am Parkplatz in Stravsro, unweit der Talstation der Gaustatoppen-Bahn. Angenehm steil geht es aufwärts, immer dem großen roten T folgend, vorbei an riesigen Steinmännern und Kontruktionen, die staunen lassen.

Die zunächst noch von Gräsern und Heidelbeeren geprägte Vegetation wird schnell karger und wie der Weg immer steiniger. Nur Moosflechten auf den Steinen zeugen davon, dass wir hier nicht auf dem Mond oder gar im Erdinneren unterwegs sind. Ob Jules Verne sich hier bei seiner Besteigung im Jahr 1861 zu seinem Roman “Die Reise zum Mittelpunkt der Erde”, der drei Jahre später das Licht der Welt erblickte, inspirieren ließ?

Unschwierig geht es so in etwa zwei Stunden bis zur Berghütte und dem Funkturm, der im Kalten Krieg als Radarstation genutzt wurde. Ab hier wird`s etwas schwieriger, vor allem, weil der Fels vom Regen der letzten Tage fast schon seifig ist.  Über den Grat, zur Südseite hin, wo irgendwo noch die Trümmer eines zerschellten nie geborgenen Flugzeugs liegen, sehr ausgesetzt, geht es in etwa 15 Minuten bis zum Gipfel auf 1883 Meter Höhe, wobei man hier immer mal wieder mit der Hand zupacken und den ein oder anderen Felsblock überklettern muss.

Wie schon erwähnt, sieht man an klaren Tagen ein Sechstel Norwegens. Ich sehe nichts. Also zurück über den Grat zur Berghütte und auf die Abfahrt vorbereiten.

Abstieg oder Abfahrt

Abfahrt? Ohne Mountainbike? Im September? Ohne einen Zentimeter Schnee? JA!

Denn durch den Gaustatoppen wurde von 1954 bis 1959 eine Bergbahn getrieben, die mit einer Steigung von 40 Grad 650 Höhenmeter überwindet. Abenteuerlich mutet die Fahrt in der alten Bahn an. An allen Ecken und Enden rumpelt und scheppert es. Direkt unter der Bahn donnern Wassermassen den Tunnel herunter. Wenn es das zu Jules Vernes Zeiten schon gegeben hätte. Spätestens hier hätte er Inspiration genug.

Unten heißt es einmal kurz umsteigen und ein letztes Stück ebenerdig bis zur Talstation der Gaustabanen fahren. Im Winter werden mit der Bahn auch Skifahrer und Snowboarder auf den Gaustatoppen befördert.

Ganz interessant: In der Bergstation lagert ein Brandy, dem hier die letzte Reife verpasst wird. Und auch eine zweite Bergbahn gibt es, die extra für den etwas fußlahmen norwegischen König angelegt wurde, damit der nicht zu Fuß die letzten Meter zur Bergstation gehen muss.

Die Spiegel von Rjukan

Nachdem wir zurück am Auto sind, geht es am Nachmittag weiter nach Rjukan. Das kleine Städtchen am Fuß des Gaustatoppen im Vestfjord-Tal schaffte es vor wenigen Jahren mit einer spektakulären Idee in die Weltpresse. Wobei die Idee selber schon ein Jahrhundert in der Schublade lag, aber erst 2013 umgesetzt werden konnte.

Sieben Monate im Jahr liegt das Örtchen nämlich komplett im Schatten. Um die Arbeiter bei Laune zu halten, baute man bereits im Jahr 1928 extra eine Seilbahn, die kostenlos genutzt werden konnte, so dass jeder Sonne tanken konnte.

Gegenüber vom Gaustatoppen wurden 2013 drei riesige Spiegel von je 17 Quadratmetern Fläche installiert, die dafür sorgen, dass eine 600 Quadratmeter große Fläche auf dem Marktplatz auch in den sieben dunklen Monaten Sonne abbekommt. Klingt verrückt, ist es auch!

Anfahrt und Übernachtung

Rjukan erreicht man von Oslo am besten mit dem Mietwagen, denn der öffentliche Nahverkehr hinkt hier noch etwas. Etwas über drei Stunden sollte man für die Strecke über Drammen und Kongsberg etwa einkalkulieren.

Den (vermeintlich) besten Blick auf den Gaustatoppen hat man im Hotel Gaustablikk, an das auch direkt ein Skigebiet angrenzt. Die langen Gänge sorgen zwar ein bisschen für eine Atmosphäre a la “The Shining”, den wahnsinnig werdenden Jack Nicholson muss man des nachts aber nicht fürchten. Vielmehr genießt man den Abend am Kamin in der Lobby und freut sich auf das hervorragende Frühstück, um gestärkt zum Gaustatoppen zu starten

Fazit

Auch wenn das Wetter nicht so recht mitgespielt hat – die Tour auf den Gaustatoppen bleibt im Gedächtnis. Technisch nicht schwer, dafür aber spätestens bei der Abfahrt durch den Berg und dem Abstecher nach Rjukan technisch imposant.

*Vielen Dank an Visit Norway und Visit Telemark für die Einladung nach Norwegen. Die geschilderten Eindrücke sind und bleiben die meinen. 


Letzte Änderung: 5. Dezember 2016

2 Antworten zu " Vom Gaustatoppen zum Mittelpunkt der Erde "

  1. […] im Südosten Norwegens unterwegs. Zuvor haben wir wie schon Jules Verne und viele andere den Gaustatoppen bestiegen. Großartige Weitblicke gab es leider nicht. Graue Wolken enthielten uns weite […]

  2. […] man ihn am besten von oben. Bei schönem Wetter reicht der Blick vom Venelifjell bis zum Gaustatoppen und […]

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