Unterwegs auf dem Kesch-Trek: 3000er, Murmeltiere und scharfe Geschosse

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Der Kesch-Trek führt quer durch die alpine und einsame Bergwelt zwischen Flüela- und dem Albulapass. Ganz so still ist es inmitten der 3000er aber nicht immer.

Unterwegs auf dem Kesch-Trek: 3000er, Murmeltiere und scharfe Geschosse
Unterwegs auf dem Kesch-Trek: 3000er, Murmeltiere und scharfe Geschosse

Ein leises Rattern können wir schon von Weitem vernehmen. Klingt nach Helikopter. Hoffentlich ist nichts passiert, sind die Gedanken, die uns durch die Köpfe spuken. Doch schon bald verschwindet das charakteristische Rattern. Um kurze Zeit später wieder zu kommen. Zu verschwinden. Und wieder zu kommen. Was da wohl los ist?

Passiert ist nichts schlimmes, wie sich später herausstellt. Es ist ein Hubschrauber des Schweizer Militärs, der in einer Tour vom Gletscher am Fuße des Piz Vadret zur Grialetsch Hütte fliegt, so erfahren wir beim Ankommen auf der Hütte. Warum er so oft hin und her fliegt, sollen wir am nächsten Tag mit eigenen Augen zu Gesicht bekommen.



Der Kesch-Trek

Wir sind auf dem Kesch-Trek unterwegs, der auf vier Etappen durch die Davoser Bergwelt führt. Vom Start am Flüelapass bis zum Erreichen von Preda oder Bergün ist der versierte Wanderer im hochalpinen Gelände unterwegs. Stattliche Dreitausender ragen rund um den Kesch-Trek auf und zwingen immer wieder zum Stehenbleiben und Staunen. Wer kleine Umwege in Kauf nimmt, kann einige der Dreitausender wie das Flüela Schwarzhorn, das Scalettahorn oder auch den namensgebenden Piz Kesch als kleinen Bonus erklimmen.

Vom Flüelapass aufs Flüela Schwarzhorn

Bevor wir auf dem Kesch-Trek unsere Tour beginnen, weichen wir schon vom eigentlichen Verlauf ab. Unweit von wo wir zwei Jahre zuvor unsere Wanderung zu den Jöriseen starteten, schultern wir auch dieses Mal die Rucksäcke. Kurz hinter dem Flüelapass haben wir die Baumgrenze schon längst hinter beziehungsweise unter uns gelassen als wir uns auf den Weg zum Flüela Schwarzhorn machen.

Schnell fressen wir Höhenmeter. Am Fuß des Schwarzchopfs steigen wir im sanften grasigen Gelände aufwärts, um in immer kargere Landschaften vorzudringen. Landschaften, wo es auch im Sommer durchaus mal schneien kann. Davon ist aber nichts zu sehen. Kein Wölkchen trübt den Himmel während wir Meter um Meter dem Gipfel entgegen streben.

Dass das nicht so bleibt, lässt die Wettervorhersage befürchten. Aber Schnee von übermorgen. Zuerst gilt es die letzten 300 Höhenmeter vom Schwarzhornfurgga, dem Sattel, der das Schwarzhorn und mit dem Rothorn verbindet, zum Gipfelkreuz (3.146 m) aufzusteigen. Unproblematisch ist das knapp 40 Minuten später auch geschafft. Überhaupt ist das Flüela Schwarzhorn ein vergleichsweise leichter Dreitausender. Am nächsten Tag wird die Messlatte schon etwas höher gelegt.

Zur Grialetsch Hütte

Zunächst heißt es aber, zurück in den Sattel abzusteigen, malerische kleine Seen zu passieren und noch einmal zum Fuorcla Rädont aufzusteigen. Vor uns erstreckt sich das Panorama vom Piz Grialetsch, Piz Vadret bis hin zum Piz Sarsura, an deren Ausläufern sich der Grialetsch-Gletscher befindet, der einen, wie wir später in der Hütte auf alten Fotos sehen, erschreckenden Rückgang verkraften muss.

Erst kurz bevor wir auf der Grialetsch Hütte ankommen, befinden wir uns auf dem “richtigen” Kesch-Trek. Es bleibt zu hoffen, dass die gemütliche Hütte ihre Urigkeit bei der kommenden Renovierung nicht einbußen wird.

Nach einem kurzen Bad im eiskalten See hinter der Grialetsch Hütte schmeckt das Abendessen umso besser. Lang dauert es nicht und im Matratzenlager zeugen die ersten Schnarcher von erschöpften, aber zufriedenen Bergsteigern.

Zwischen Eis und Munition

Zu einer unbarmherzigen Zeit klingelt der Wecker am nächsten Morgen, denn David, unser Bergführer von den Bergführern Davos Klosters schwebt ein kleiner Umweg vor. Bevor wir es uns also auf dem Kesch-Trek richtig bequem machen, verlassen wir ihn schon wieder. Im Licht der Stirnlampen steigen wir über Geröll und schließlich am Seil und mit Grödeln an den Füßen den Vadret (Rätoromanisch für Gletscher) de Grialetsch hinauf. Die wenigen Spalten lassen sich im aperen Zustand gut erkennen und sicher umgehen.

Im Eis entdecken wir auch den Grund für die zahlreichen Helikopterflüge am Vortag. Immer wieder stoßen wir auf Munitionsreste. Über sechs Tonnen davon hatte das Militär in den Tagen zuvor eingesammelt, denn das Gebiet rund um den Piz Vadret wird zweimal im Jahr als Übungsgebiet genutzt. In dieser Zeit ist der Zugang lebensgefährlich und entsprechend untersagt.

Piz Grialetsch und Scalettahorn

Am Sattel angekommen stehen wir vor der Wahl, den Gipfel des Piz Grialetsch (3.130 m) noch mitzunehmen oder direkt zum Vadret Vallorgia abzusteigen. Die zunehmende Wolkendichte macht die Entscheidung einfach, schließlich wartet mit dem Scalettahorn (3.067 m) noch ein weiterer Dreitausender, der nach der Querung des kleinen Gletschers und einem spannenden Aufstieg über blockiges Gelände am meist breiten Kamm und zuletzt am sich verengenden Ostgrat erreicht ist. Ein Gipfelkreuz gibt es nicht. Aussicht leider auch nicht und so fällt die Pause am Gipfel entsprechend kurz aus.

Der weglose Abstieg zum Scalettapass ist etwas wild und es gilt im Geröll und den dichter werdenden Wolken nicht die Orientierung zu verlieren. Im auslaufenden Gletscher fällt es schließlich wieder leichter. Die Landschaft wird zunehmend freundlicher, einsetzender Regen und Wind machen aber deutlich, in welchem Terrain wir uns bewegen.

Vom Scalettapass zur Kesch Hütte

Kesch-Hütte © Gipfelfieber
Kesch-Hütte © Gipfelfieber

Der Unterstand am Scalettapass bietet eine willkommene Raststätte, bevor uns der Weiterweg ins Val Funtauna und bald ins Val dal Tschüvel führt. Im leichten Auf und Ab wandern wir ohne große Schwierigkeiten zwischen zahllosen Dreitausendern hoch über dem Tal weiter, die Gedanken schweifen hierhin und dahin. Nur ein lautes Pfeifen irgendwo über uns reißt uns aus den Tagträumereien. Zahlreiche Murmeltiere tummeln sich in den steilen Grashängen, beobachten die Eindringlinge mit ihren bunten Jacken argwöhnisch und warnen vorsichtshalber ihre Kameraden.

Bald ist auch die Kesch Hütte in Sicht. Bis sie erreicht ist, dauert es aber. Nach einem letzten Anstieg ist es auch vollbracht und der Wirt sorgt mit warmem Kaffee, Rübli-Torte und den typisch bündnerischen Pizokel zum Abendessen für aufgefüllte Energiereserven.

Etappe 3 und 4 auf dem Kesch-Trek

Die folgende dritte Etappe führt einmal um den Piz Kesch (3.465 m) herum zur Es-cha Hütte. Die vierte und letzte Etappe geht hinab zum Lai de Palpuogna, der zu einem der schönsten Seen der Schweiz gekürt wurde. Von Preda geht es mit der Bahn auf der Albulalinie nach Bergün und über Filisur zurück nach Davos.

Alternativ: Über den Sertigpass nach Davos

Uns hingegen hat am nächsten Morgen der Wetterbericht eingeholt und Anfang September befinden wir uns inmitten von Schnee, weshalb wir beschließen, direkt nach Davos abzusteigen.

Statt des direkten Abstiegs nach Bergün gehen wir (wieder mal) einen kleinen Umweg und wandern zunächst ein kleines Stück zurück in Richtung Scalettapass, halten uns beim ersten Abzweig aber gen Sertigpass. Die Murmeltiere durchwühlen den Schnee weiter nach Essbarem, schließlich ist es bald Zeit für den Winterschlaf. Bevor wir zum Sertigpass spuren, passieren wir einen mystischen Bergsee, der vom Nebel geradezu verschlungen wird.

Am höchsten Punkt des Tages auf 2.738 m angekommen, heißt es bald von der hochalpinen Umgebung, den markanten Felskolossen und der Einsamkeit der Berge Abschied zu nehmen. Zwar zieht sich der Abstieg bis ins Sertig Dörfli noch ein Stück, aber mit jedem Meter, mit jedem Schritt gen Tal scheint die Rauheit und Wildheit der Bündener Bergwelt weniger zu werden.

Bei den traditionellen Capuns und einer Rivella im Walser Huus stoßen wir auf die gelungene Tour mit einem Röteli an, freuen uns auf die warme Badewanne und ein frisches Shirt.

Fazit

Der Kesch-Trek ist eine grandiose Möglichkeit, die hochalpine Luft der Graubündener Alpen zu schnuppern. Vier Etappen führen quer durch die Davoser Bergwelt. Mit kleinen Umwegen lassen sich Abstecher auf einige der Dreitausender am Wegesrand mitnehmen, wobei das Flüela Schwarzhorn weitestgehend einfach ist, das Scalettahorn dagegen bergsteigerische Erfahrung voraussetzt.

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