Vom Umkehren und Scheitern am Berg

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Auf dem Weg zum Gipfel umzukehren, ist kein wirklich schönes Erlebnis und noch weniger eine einfache Entscheidung. Warum Umkehren trotzdem kein Scheitern ist.

Vom Umkehren und Scheitern © Gipfelfieber.com

Vom Umkehren und Scheitern am Berg © Gipfelfieber.com

Niederlagen am Berg hat es für mich bis jetzt nie so richtig gegeben. Im Grunde sogar erst eine nachdem ich zur einer Snowboardtour ohne Schneeschuhe aufgebrochen bin. Die Östliche Karwendelspitze war heftig und hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, hätte ich das bereits bei der Planung verworfen. Jetzt, auf dem Weg zur Hochalmspitze haben wir den Aufstieg 400 Meter unter dem Gipfel abgebrochen. Eine Entscheidung, die anfangs schwer fiel, sich am Ende aber als die einzig richtige herausstellte.

Vorbereitung ist alles

Schmalster Grat am Königsjodler © Gipfelfieber.com

Schmalster Grat am Königsjodler © Gipfelfieber.com

In solche Situationen sind wir bis jetzt nicht gekommen, weil wir zum einen Glückskinder sind. Denn wenn Simon und ich zusammen starten, ist immer gutes Wetter. Ausnahmslos. Wobei man fairerweise sagen muss, dass wir uns bei unseren Touren auch nach den Wettervorhersagen richten. Aber der Wettergott ist uns bisher immer wohlgesonnen gewesen. Selbst bei langer Vorausplanung.

Auf der anderen Seite liegt es aber auch daran, dass wir uns von Anfang an nie zu zuviel zugemutet haben. Wir haben nie Touren gestartet, wo wir uns vorher nicht sicher waren, ob wir da wieder heil runterkommen. Bestes Beispiel: Die Watzmann-Überschreitung. Die gilt als äußerst anspruchsvoll. Jährlich wird sie von hunderten von Bergsteigern angegangen, die die mal eben im Jahresurlaub unterbringen. Ohne große nennenswerte Vorbereitung. Wir haben abgewartet bis wir der Meinung waren, dass wir auf dem richtigen Level sind. Und das waren wir am Ende. Und zwar locker.




Abbruch an der Hochalmspitze

Nun war es dann aber doch soweit. Kurz nach dem Sonnenaufgang (und trotzdem zu spät) starteten wir Anfang November von der Gießener Hütte in Richtung der Hochalmspitze. Ein Berg, in den ich mich beim ersten Anblick vor vielen Jahren geradezu verliebt habe. Etliche Schneefelder konnten wir problemlos hinter uns lassen und selbst als wir die Laasacher Winkelscharte, etwa 400 Meter unter dem Gipfel, erreichten, lagen wir in unserem uns selbst gegebenen Zeitrahmen.

Und trotz des eigentlich guten Verlaufs plagten uns mehr und mehr Zweifel. Noch einmal mindestens zwei Stunden bis zum Gipfel. In weit anspruchsvollerem Gelände. Schnee, der immer weicher wird. Ein Rückweg, der wahrscheinlich mindestens genauso lang dauert. Und dass in knapp sieben Stunden schon wieder die Dämmerung einsetzt. Genug Gründe, um die Unternehmung hier vorzeitig abzubrechen.

 Aber, aber, aber…

Ich muss aber zugeben, dass die Entscheidung zur Umkehr zumindest bei mir ein Weilchen gedauert hat. Sie musste reifen. Ist das wirklich so ein Risiko? Könnte das nicht doch irgendwie gehen? Ich will doch endlich da hoch! Gipfelfieber heißt das. Der Name ist hier ja Programm. Das kann aber eben schnell ins Negative umschlagen, wenn man Umstände außer Acht lässt und nur noch den Gipfel sieht. Aber nach ein paar kurzen Gehversuchen am Grat mit zu viel weichem Schnee war klar, dass es hier nur eine Entscheidung geben kann.

Umkehren ist kein Scheitern

Der Grat zum Piz Lischana © Gipfelfieber.com

Grate sind nicht jedermanns Sache © Gipfelfieber.com

Und heute – zwei Tage später – fühlt es sich nicht wie ein Scheitern an, sondern wie ein Sieg. Zwar ein kleiner, aber ein umso wichtigerer. Nicht über mich! Für mich! Für uns! Einfach etwas, was wohl dazu gehört. Was man gemacht haben muss, um auch in Zukunft mit der gehörigen Demut und dem gehörigen Respekt in die Berge zu gehen.

Von daher: Wer Zweifel hegt – und sind es nur die geringsten – sollte umkehren. Das ist kein Scheitern. Das ist Vernunft. Klar, übervorsichtig muss man auch nicht sein. Aber man muss sein Level vernünftig einschätzen können. Wie sehr hat es mich bis hierhin schon belastet? Wie lang brauche ich noch (bei der Schätzung auf jeden Fall großzügig noch was drauf packen!)? Nehmen die Schwierigkeiten weiter zu? Und und und…

Und die Moral von der Geschicht`

Der Berg – und das ist das Schöne am Bergsteigen – steht beim nächsten Mal garantiert immer noch da. Also lieber mal Fünfe gerade sein lassen und – auch wenn`s ein bisschen schmerzt – eine Tour vorzeitig abbrechen, bevor man irgendwelche Risiken eingeht.


Letzte Änderung: 6. Dezember 2016

8 Antworten zu " Vom Umkehren und Scheitern am Berg "

  1. Steve sagt:

    Alles richtig gemacht!
    Es fällt oft schwer, aber rückblickend war es sicher nicht verkehrt.

  2. Uli sagt:

    Hallo Andreas,
    gerade erst gestern war ich beim Vortrag von Reinhold Messner, der wieder einmal sagte: „Wer es nicht versucht, kann noch nicht einmal scheitern“.
    Und wir sind in diesem Sommer auch umgekehrt, gescheitert würde ich nicht sagen. Am zweiten Tag unserer Hüttentour auf dem Berliner Höhenweg:
    http://www.auf-den-berg.de/wandern/tirol/berliner-hoehenweg-greizer-huette-lapenscharte-gruene-wand-huette/
    Alerdings kam bei uns die Entscheidung ser schnell, da vor uns ein lächerlich kleines, aber steiles und sehr absturzgefährdetes Schneebrett lag. Das war das Risiko nicht wert und wir sind umgekehrt. Schade, aber es war die einzig richtige Entscheidung.
    Wie wohl auch bei Dir. Wenn das Risiko zu groß wird, muss man sich Entscheiden.
    Viele Grüße,
    Uli

  3. Charis sagt:

    Das finde ich so demütig und gut. Und wie geschrieben: es ist kein Sieg gegen sondern für Euch.
    In einer Zeit, in der alle immer nur meinen einander übertreffen zu müssen, lese ich gern, wenn jemand sich zurücknimmt und sagt: ich war gut, aber es hat nicht gepasst. Beim nächsten Mal schaffen wir es.
    Ich wünsche Euch von Herzen, dass Ihr immer heil zurückkommt!

  4. Andreas sagt:

    Danke euch allen…:)
    Wie gesagt: Der Berg bleibt, wo er ist. Und Platz für Dummheiten ist woanders, aber nicht am Berg.

  5. […] Leder, welches hauptsächlich in der Handfläche angebracht ist. Es wirkt sehr robust. Bei unserem Aufstieg zur Laasacher Winkelscharte kam der Handschuh mit einigem Gestein in Berührung und hat dabei keinerlei Spuren davongetragen. […]

  6. Steffi sagt:

    Es ist genauso wie Du schreibst. Umkehren ist kein Scheitern, sondern es zeugt von wahrer Größe. Von Vernunft, Respekt und auch von Demut vor der Natur. Natürlich ist es nicht einfach die Entscheidung zum Umkehren zu treffen. Aber warum gehen wir raus in die Natur und auf die Berge? Weil wir es lieben oder weil wir uns etwas beweisen müssen? Ich hoffe das erster trifft auf die meisten von uns zu. Und im Zweifelsfall sollte gelten: Safety first!
    Wirklich toller Artikel! Danke dafür!
    Steffi

  7. An den Drei Türmen im Montafon musste ich mit Tourenski schon dreimal umkehren. Ich komme aber gerne wieder und werde es nochmals versuchen. Aber ich bin dreimal heil zurück gekommen, und der Berg steht immer noch da. Darum geht es…

  8. Peter sagt:

    Alles richtig gemacht sicher…aber dennoch, die bittersten Worte in allen Sprachen geschrieben oder gelesen sind wohl die- was wäre gewesen 😉

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