Watzmannfrau: Im langen Schatten des großen Nachbarn

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Der Kleine Watzmann, auch als Watzmannfrau bekannt, steht im Schatten des großen Nachbarn. Und doch finden wir hier das, was andere Bergsteiger am Watzmanngrat wahrscheinlich kaum finden werden.

Watzmannfrau: Im langen Schatten des großen Nachbarn © Gipfelfieber

Watzmannfrau: Im langen Schatten des großen Nachbarn © Gipfelfieber

Die Vorhersagen sind alles andere als optimal, schon am frühen Nachmittag soll schlechtes Wetter Einzug halten und so klingelt der Wecker bereits um 3 Uhr. Verstört fragen Körper und Kopf, was das eigentlich soll und beide überlegen in trauter (und seltener) Einigkeit, den Dienst einfach zu quittieren. Nur im hintersten Eck regt sich Widerstand und in schlafwandlerischer Manier geht es ins Bad, zur Kaffeemaschine (!) und schließlich rollt schon Minuten später das Auto gen Berchtesgadener Land.

Schon lange steht die Tour auf die Watzmannfrau auf unserer Liste ganz weit oben. Und das nicht erst seit wir vor knapp zwei Jahren schon die berüchtigte Watzmann-Überschreitung erfolgreich hinter uns gebracht haben. Von weitem steht der linke Zacken des Watzmann dem rechten in Nichts nach. Bedrohlich und abweisend thronen der versteinerte König Watzmann und seine Watzmannfrau über den Berchtesgadener Alpen. Und doch schlängelt sich auf den Kleinen Watzmann ein Steig, der oft gar nicht so schwierig ist, bei dem einige Kletterpassagen aber für Nervenkitzel und einige Tiefblicke für Demut sorgen.




Von Hammerstiel zur Kührointalm

Wir starten um etwa 5:30 Uhr in Hinterschönau beim Parkplatz von Hammerstiel. Die ersten knapp 700 Höhenmeter legen wir auf dem Drahtesel zurück. Das geht mal gut, mal ist`s schon gehörig steil, aber spätestens an der Schapbachalm und wenn die ersten Sonnenstrahlen des Tages Watzmann und Watzmannfrau in ein gleißendes Orangerot tauchen, rückt die Anstrengung in den Hintergrund.

Nach der Alm und der berüchtigten Benzinkehre nimmt die Steilheit nochmal mächtig zu, beruhigt sich aber auf dem letzten Abschnitt zur Kührointalm wieder. Während die E-Biker uns mit (zumindest gefühlt) höhnischem Spott überziehen, warum wir nur so gequält aussehen, radeln wir in steter Langsamkeit unserem Frühstück an der Kührointalm entgegen, nicht ohne vorher noch vier Auerhühner zu Gesicht zu bekommen.

Unmarkiert und doch irgendwie nicht

Die Bikes lassen wir hier stehen und folgen einer Waldschneise hinter dem südlichsten Almgebäude hinauf. An dessen Ende entdecken wir einen erstaunlich gut erkennbaren, allerdings unmarkierten Pfad, der uns durch hohes Gras, umgefallene Bäume und schließlich steiler werdend, teils auch rutschig, bis an den Abbruch der Nordflanke der Watzmannfrau führt.

Zwischen Latschen geht es relativ problemlos weiter und bald bekommen wir die ersten spektakulären Tiefblicke in die senkrecht ins Watzmannkar abfallende Westwand der Watzmannfrau serviert.

Der Gendarm – die Schlüsselstelle

Immer nah des Abbruchs windet sich der Steig nach oben bis er sich plötzlich verengt und wir schon an der Schlüsselstelle der Tour auf die Watzmannfrau – dem Gendarm – ankommen. Woher der seinen Namen hat, haben wir uns bei der Planung ein paar Mal gefragt. Hier angekommen, ist das klarer als die berüchtigte Kloßbrühe. Denn wie ein Pförtner steht der Gendarm hier und selektiert.

Die Felsformation gilt es zu überklettern. Während auf der linken Seite des Gendarms „nur“ knapp 20 Meter Luft unter dem Hintern warten, sind es auf der rechten Seite ein Vielfaches. Der Kopf empfiehlt uns den Weg über die „weniger“ ausgesetzte Seite, auch wenn die Tritte und Griffe hier wohl etwas spärlicher vorhanden sind als auf der anderen. Letztlich hält sich die Schwierigkeit (Stufe II auf der UIAA-Skala) aber doch in Grenzen. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann sich an den vorhandenen Bohrhaken und mitzubringendem Seil sichern.

Nach der Schlüsselstelle geht es zunächst einfacher weiter und hin und wieder lassen sich jetzt schon stark verblasste gelbe Markierungen blicken. Der Steig führt durch eine schmale Rinne, die wir durchklettern, wobei wir die Rinne auch auf der rechten Seite hätten umgehen können, was wir erst später sehen.

Weiterweg auf die Watzmannfrau

Wir lassen die Latschen nun hinter uns und verlieren bald die Markierungen und Steinmänner. Doch das macht nicht viel, denn allzu viel falsch machen kann man eigentlich nicht. Im Schrofengelände halten wir uns bald wieder näher an der Abbruchkante ins Watzmannkar und können so auch wieder Steinmänner und Markierungen ausmachen. Über Steilstufen (maximal Schwierigkeit II, meist I) gelangen wir höher und höher. Der Untergrund ist mehr und mehr von losem Schotter geprägt bis wir kurz vorm Gipfel vor einer langen Platte stehen. Die lässt sich rechts umgehen, deutlich schneller geht es auf direktem Wege (allerdings nicht bei Feuchtigkeit). Hier ist eine kleine Höhle, die ab und an wohl als Biwakplatz und Schlechtwetterzuflucht dient. Kurz danach stehen wir am 2307 m hohen Gipfel der Watzmannfrau mit ihren zwei kleinen Gipfelkreuzen (ca. 5 h inkl. Pausen ab Hammerstiel).

Am Gipfel

Während nebenan auf dem Watzmann wesentlich mehr los ist, geht es hier ausgesprochen ruhig zu. Lediglich zwei Einheimische teilen sich den Gipfel des Kleinen Watzmanns mit uns. An eine lange Gipfelrast ist trotzdem nicht zu denken, denn die Schlechtwetterfront nähert sich in großen Schritten und ihre ersten Vorboten tröpfeln bereits herab. Stunden bevor sie angekündigt ist.

Alternativer Abstieg über den Mooslahner

Unsere geplante Abstiegsvariante führt vom Gipfel der Watzmannfrau über den Ostgrat hinab zum „Fensterl“ weiter über den Grat zum Mooslahnerkopf und von dort hinab zur Kührointalm. Da wir das Gelände nicht kennen und uns das Risiko bei Nässe zu groß ist, beschließen wir schnell von unserer ursprünglichen Planung abzusehen und steigen über den Aufstiegsweg wieder ab. Erst als wir wieder den Gendarm passieren, setzt der Regen so richtig ein. Gut so, denn im ausgesetzten Klettergelände ist nasser Fels eine unberechenbare und gefährliche Variable. So bleibt es dabei, dass wir auf dem Pfad zurück zur Kührointalm immer wieder auf dem Hintern sitzen.

Rasante Abfahrt ins Tal

Nach einer verdienten Stärkung wartet der Teil, auf den zumindest ich mich fast am meisten gefreut habe. Die Mühen der frühen Auffahrt tragen nun Früchte und rasant geht es auf dem Rad ins Tal zurück. Zum Glück noch halbwegs trocken. Kurz nachdem die Bikes im Auto verstaut und wir bereit zur Rückfahrt sind, öffnet der Himmel seine Schleusen.

Fazit

Was für eine geniale Tour. Am Kleinen Watzmann bzw. der Watzmannfrau ist so gut wie nichts los und die Besteigung wartet mit machbaren Schwierigkeiten auf, die allerdings nicht unterschätzt werden dürfen. Absolute Trittsicherheit, Schwindelfreiheit, Erfahrung im unmarkierten Gelände und sicheres Klettern im II. Grad gehören ins Gepäck. Dann steht einer Besteigung der Watzmannfrau nichts im Weg.


Letzte Änderung: 5. Dezember 2016

5 Antworten zu " Watzmannfrau: Im langen Schatten des großen Nachbarn "

  1. Svato sagt:

    Hallo Simon und Andreas,
    ich finde abstieg noch etwas schönere als aufstieg nur der weg findung ist in anfang etwas schwierig.
    Ciao Svato

    • Andreas sagt:

      Hi Svato,
      bist du über den Mooslahner abgestiegen oder über den „Normalweg“?
      Im oberen felsigen Abschnitt fanden wir ihn gar nicht ohne. Aber immer noch angenehmer als der zähe Abstieg von der Watzmann-Südspitze ins Wimbachgries…
      Schöne Grüße
      Andi

  2. Svato sagt:

    über Mooslahner ich denke sehr interesant kann auch aufstieg über Südwand sein

  3. Rebecca sagt:

    Sehr schön, die Tour steht auch bei mir schon seit längerem auf der To-Do-Liste! LG, Rebecca

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